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‚Gasgeben‘ und ‚Auspowern‘ – das Geheimnis für einen entspannten, ruhigen Hund und Verhaltensprobleme?

Immer wieder begegnet mir im Training die weitverbreitete Meinung, dass man Hunde, die eher aufgedreht und reizanfällig sind, richtig auspowern muss, damit diese zur Ruhe kommen können.

Da wird z.B. mit Bällen geworfen bis der Arzt kommt – denn wenn der Hund vielleicht durch den straffen Alltagsplan oder durch gesundheitliche Gründe des Menschens nicht genügend Auslauf hatte, kann er wenigstens dadurch Bewegung erlangen und das schlechte Gewissen des Halters ist auch erstmal für einen gewissen Zeitraum beruhigt.
Der Hund kommt augenscheinlich zur Ruhe nach dieser Aktivität , aus Sicht des Halters in diesem Moment eine Win-Win-Situation: der Hund ist ausgepowert und müde, da er körperlich erschöpft ist, der Halter kann sich nun zunächst anderen Dingen widmen.

Aber schaffe ich es so einen eher aufgedrehten Hund zur Ruhe zu bringen? Und kann ich damit Verhaltensprobleme lösen, so wie es gerne auch mal in den Medien propagiert wird?

Um zu verstehen, dass das Gegenteil der Fall ist, muss man sich zunächst mit den Vorgängen im Körper des Hundes auseinandersetzen.

Was genau passiert da eigentlich , wenn ich einen Hund mit z.B. einer Ballschleuder zu körperlicher Höchstform auflaufen lasse, der eh schon ständig in einem hohen Erregungszustand ist?

Generell wird im Körper des Hundes durch eine hohe körperliche Aktivität Adrenalin produziert, das in dem Moment selbstbelohnend, quasi der Kick ist, den der Hund durch das schnelle Laufen oder Hetzen bekommt. Deshalb sind viele Hunde durch z.B. das Bällewerfen recht schnell ‚angefixt‘.

Ein Hund, der sich allerdings ständig in einem hohen Stresslevel befindet , ist körperlich eh schon angespannt . Das wird durch das Auspowern und den Adrenalineinfluss noch verstärkt.

In diesem Moment ist der Hund für den Menschen nur noch bedingt bis gar nicht mehr ansprechbar, ‚klares Denken‘ bzw. Lernprozesse sind für den Hund nicht mehr möglich, es stehen die Instinktverhaltensweisen im Vordergrund wie z.B. das Jagen.

Während der Hund sich schnell bewegt, rauschen auch an ihm viele Außeneindrücke im rasenden Tempo vorbei wie zum Beispiel Geräusche oder Gerüche, derer wir Menschen uns oft gar nicht bewusst sind.
Diese wollen aber nun auch vom Hund verarbeitet werden, was aber nicht möglich ist, da er völlig unter Strom steht und seine Sinne durch das Tempo, in dem die Reize auf sie einprasseln, ebenfalls überfordert sind.

Natürlich ist der Hund nach so einem energiegeladenen ‚Run‘ erstmal müde und kaputt, aber der Körper des Hundes gewöhnt sich ziemlich schnell an diese Anforderungen.
Ähnlich wie bei einem Menschen, der regelmäßig Joggen geht, wird auch der Hund mit jeder hohen Aktivität fitter, und es bedarf ein ‚mehr‘, um in einen müden Zustand zu gelangen.
Die daraus folgende Konsequenz ist, dass der Mensch irgendwann an persönliche Grenzen stößt, was die körperliche Auslastung seines Hundes angeht.
Für den Hund bedeutet das allerdings auch ab einem gewissen Level ein fehlendes Maß an Schlaf. Und wie bei kleinen Kindern heißt es dann hier : ‚Nach müde kommt doof.‘ , denn ein Hund der ein fehlendes Schlafbedürfnis hat, ist alles andere als ausgeglichen.

All dies hat zur Folge, dass bei dem Hund kein langfristiger Ruhezustand entsteht, sondern diese Komponenten führen nur zu einem: mehr Reizbarkeit!

Sie sehen, ein Hund der eh schon ständig angespannt und reizbar ist, gewinnt durch das gut gemeinte Auspowern des Menschen keinen Vorteil, im Gegenteil, er verliert weiterhin ein Stück Lebensqualität .

Bitte seien Sie bei der Auswahl der Beschäftigung Ihres Hundes immer achtsam.
Wenn Sie unsicher sind, was zu Ihrem Typ Hund passen könnte, lassen Sie sich beraten.
Wir helfen Ihnen gerne die passende Beschäftigung zu finden.

Generell sollte jeder für sich wissen , dass zu einer guten Auslastung eine gesunde Mischung von körperlicher UND geistiger Auslastung gehören, ebenso wie wohlverdiente Ruhephasen.

Ihre Kirsten Koch