Für den eigenen Hund einstehen
Für den eigenen Hund einstehen – auch wenn es anderen nicht gefällt
Viele Hundehalter kennen diese Situationen:
Der fremde Hund kommt ungefragt auf den eigenen Hund zugelaufen. Eigentlich möchte man Abstand schaffen, weil der eigene Hund unsicher ist, gerade trainiert oder schlicht keine Lust auf Kontakt hat. Trotzdem sagt man nichts. Man möchte nicht unhöflich wirken.
Besuch kommt ins Haus. Der Hund hat gelernt, auf seiner Decke zu bleiben, um Ruhe zu finden und klare Strukturen zu haben. Doch kaum sitzt der Besuch auf dem Sofa, wird der Hund angelockt, gekuschelt oder sogar für seine Decke bemitleidet. Und statt die eigene Regel durchzusetzen, gibt man nach – um nicht als streng oder übertrieben zu gelten.
Auf dem Spaziergang fragt jemand, ob er den Hund streicheln darf. Eigentlich weiß man, dass der eigene Hund körperliche Nähe von Fremden nicht mag. Trotzdem sagt man „Ja“, weil man niemanden vor den Kopf stoßen möchte.
Oder man lässt einen Freilaufkontakt zu, obwohl man weder den anderen Hund noch dessen Halter kennt. Nicht weil man davon überzeugt ist, dass es eine gute Idee ist, sondern weil man nicht die Person sein möchte, die „Nein“ sagt.
Besonders schwierig wird es, wenn Uneinigkeit bereits innerhalb der eigenen Familie herrscht. Während eine Person auf klare Regeln, feste Strukturen und Verlässlichkeit achtet, erlaubt eine andere Dinge, die eigentlich nicht gewünscht sind. Der Hund darf bei dem einen auf das Sofa, bei dem anderen nicht. Er wird von einer Person auf seine Decke geschickt und von der nächsten wieder heruntergerufen. Ein Verhalten wird einmal belohnt und beim nächsten Mal korrigiert.
Was gut gemeint ist, führt beim Hund jedoch häufig zu Unsicherheit. Denn Hunde können nicht verstehen, warum ein Verhalten heute erwünscht und morgen unerwünscht ist. Sie erleben lediglich, dass die Maßstäbe ständig wechseln. Führung und Sicherheit entstehen jedoch dort, wo Grenzen nachvollziehbar, verlässlich und für den Hund berechenbar sind.
Was viele dabei vergessen:
Jedes Mal, wenn wir unsere eigenen Grenzen, Regeln oder Sicherheitsmaßnahmen für unseren Hund auflösen, um die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen, senden wir unserem Hund eine wichtige Botschaft.
Wir zeigen ihm, dass unsere Entscheidungen nicht verlässlich sind.
Hunde orientieren sich an Vorhersagbarkeit. Sie lernen Sicherheit nicht dadurch, dass immer alles erlaubt ist. Sie lernen Sicherheit dadurch, dass ihre Bezugspersonen berechenbar handeln, Situationen einschätzen und Verantwortung übernehmen.
Wenn ein Hund immer wieder erlebt, dass seine Bezugsperson ihn in Situationen bringt oder dort belässt, die für ihn unangenehm, überfordernd oder unsicher sind, kann das langfristige Folgen haben.
Manche Hunde beginnen, ihre Bedürfnisse deutlicher zu kommunizieren. Sie weichen aus, frieren ein, bellen, knurren oder reagieren irgendwann aggressiv. Andere Hunde ziehen sich zurück und ertragen die Situation still. Doch auch dieses stille Erdulden ist kein Zeichen von Wohlbefinden.
Viele Verhaltensprobleme entstehen nicht aus einzelnen Ereignissen, sondern aus der Summe vieler kleiner Situationen, in denen ein Hund gelernt hat, dass seine Bezugsperson seine Bedürfnisse nicht konsequent schützt.
Dabei geht es nicht darum, jeden Hundekontakt zu vermeiden oder den Hund von der Umwelt abzuschirmen. Es geht darum, bewusst Entscheidungen zu treffen.
Nicht jeder Hund muss jeden Hund kennenlernen.
Nicht jeder Mensch muss den Hund anfassen.
Nicht jeder Besuch muss den Hund bespaßen.
Nicht jede Regel muss für Gäste oder Familienmitglieder aufgehoben werden.
Wer für seinen Hund einsteht, handelt nicht unhöflich. Er übernimmt Verantwortung.
Tatsächlich ist ein höfliches „Nein“ oft deutlich fairer als ein widerwilliges „Ja“.
Denn während andere Menschen vielleicht für einen kurzen Moment enttäuscht sind, muss der Hund die Konsequenzen unserer Entscheidungen tragen.
Vertrauen entsteht dann, wenn unser Hund die Erfahrung macht:
„Mein Mensch achtet auf mich.“
„Mein Mensch erkennt, wenn mir etwas zu viel wird.“
„Mein Mensch sorgt dafür, dass Grenzen respektiert werden.“
„Mein Mensch meint es ernst, wenn er eine Entscheidung trifft.“
Genau dieses Vertrauen ist die Grundlage für eine stabile Mensch-Hund-Beziehung.
Es braucht manchmal Mut, anderen Menschen Grenzen zu setzen. Es braucht manchmal die Bereitschaft, missverstanden zu werden oder als übervorsichtig, streng oder unfreundlich zu gelten.
Manchmal bedeutet es sogar, innerhalb der eigenen Familie unbequeme Gespräche zu führen und darauf zu bestehen, dass gemeinsame Regeln auch gemeinsam getragen werden. Nicht, weil man rechthaben möchte, sondern weil der Hund ein Recht auf Verlässlichkeit hat.
Doch unsere Aufgabe ist nicht, es jedem Menschen recht zu machen.
Unsere Aufgabe ist es, die Verantwortung für das Lebewesen zu übernehmen, das uns täglich vertraut.
Und dieses Vertrauen sollten wir niemals gegen die Zustimmung anderer eintauschen.
