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Lernen am Vorbild

Dein Hund beobachtet dich – Lernen am Vorbild und warum wir unserem Hund mehr als nur Kommandos beibringen sollten

Wenn wir an Hundeerziehung denken, haben viele Menschen zunächst Signale wie Sitz, Platz, Bleib oder den Rückruf im Kopf. Natürlich sind solche Signale wichtig. Sie machen jedoch nur einen kleinen Teil dessen aus, was Hunde tatsächlich lernen.

Ein großer Teil ihres Lernens geschieht ganz nebenbei – durch Beobachtung. Hunde beobachten ihre Umwelt, orientieren sich an ihren Sozialpartnern und ziehen aus deren Verhalten Rückschlüsse für ihr eigenes Handeln. Dieses sogenannte soziale Lernen begleitet Hunde ihr gesamtes Leben und beginnt bereits im Welpenalter.

Genau deshalb lohnt sich eine entscheidende Frage:

Was lebt der Mensch seinem Hund eigentlich jeden Tag vor?

 

Lernen am Vorbild bedeutet mehr als bloßes Nachahmen

Wenn wir vom Lernen am Vorbild sprechen, stellen sich viele Menschen vor, dass ein Hund einfach kopiert, was ein anderer Hund oder Mensch vormacht.

So einfach funktioniert soziales Lernen jedoch nicht.

Ein Hund übernimmt nicht zwangsläufig jede beobachtete Handlung. Viel häufiger lernt er Zusammenhänge zu erkennen.

Er beobachtet beispielsweise:

  • Wo lohnt es sich hinzuschauen?
  • Welcher Weg führt zum Erfolg?
  • Wie reagiert ein erfahrener Sozialpartner auf eine unbekannte Situation?
  • Muss ich vorsichtig sein oder kann ich mich entspannen?
  • Welche Strategie scheint sinnvoll zu sein?

Gerade in neuen oder unklaren Situationen nutzen Hunde die Reaktionen vertrauter Sozialpartner als Orientierung. Bleibt der Sozialpartner ruhig, kann auch der Hund Sicherheit gewinnen. Reagiert dieser dagegen angespannt oder hektisch, kann sich diese Unsicherheit ebenfalls übertragen.

Dieses Prinzip nennt man in der Verhaltensforschung soziale Referenzierung.

 

Wie junge Hunde in freilebenden sozialen Gruppen lernen

Auch frei lebende Hunde kommen nicht mit allen Fähigkeiten zur Welt, die sie später benötigen.

Sie lernen diese Schritt für Schritt innerhalb ihrer sozialen Gemeinschaft.

Dabei findet kein Unterricht statt. Kein erwachsener Hund erklärt einem Welpen bewusst, wie bestimmte Aufgaben funktionieren.

Stattdessen lernen junge Hunde durch Beobachtung, gemeinsames Erleben und eigene Erfahrungen.

Sie begleiten ältere Tiere, probieren sich aus, sammeln Erfolg und Misserfolg und erhalten ständig Rückmeldungen durch ihre Umwelt und ihre Sozialpartner.

Im gemeinsamen Spiel trainieren sie Bewegungsabläufe, verbessern ihre Körperkoordination und lernen, ihre Kraft angemessen einzusetzen. Gleichzeitig entwickeln sie wichtige soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Kooperation, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz.

Dabei geht es nicht allein darum, Nahrung zu finden.

Die Hunde erwerben lebenspraktische Fähigkeiten, die sie ihr gesamtes Leben benötigen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Orientierung an erfahrenen Sozialpartnern
  • Geduld
  • Impulskontrolle
  • Problemlöseverhalten
  • Kooperation
  • Kommunikation
  • Frustrationstoleranz
  • Ausdauer
  • das Einschätzen neuer Situationen
  • das Regulieren der eigenen Erregung

Diese Kompetenzen helfen ihnen nicht nur bei der Nahrungssuche, sondern im gesamten sozialen Zusammenleben.

 

Genau dieses Lernprinzip können wir uns zunutze machen

Unsere Haushunde leben heute in einer völlig anderen Umwelt.

Sie müssen kein Futter mehr erjagen und sich nicht täglich in einer frei lebenden Hundegruppe behaupten.

Die Art und Weise, wie Hunde lernen, ist jedoch dieselbe geblieben.

Auch heute profitieren sie davon, wenn ein verlässlicher Sozialpartner ihnen nicht nur sagt, was sie tun sollen, sondern ihnen Fähigkeiten vermittelt, die ihnen im Alltag wirklich helfen.

Und genau hier kommt der Mensch ins Spiel.

Für unsere Hunde sind wir die wichtigsten Orientierungspartner.

Sie beobachten täglich:

  • wie wir mit Stress umgehen,
  • wie wir auf andere Hunde reagieren,
  • ob wir hektisch oder ruhig werden,
  • wie wir Konflikte lösen,
  • ob wir Entscheidungen treffen,
  • ob wir Sicherheit vermitteln,
  • wie verlässlich wir handeln.

Unser Verhalten liefert dem Hund ständig Informationen darüber, wie er Situationen bewerten kann.

Deshalb lernen Hunde nicht nur aus unseren Trainingsübungen.

Sie lernen aus unserem gesamten Alltag.

Was Hunde von uns wirklich lernen

Viele Menschen achten sehr genau darauf, ob ihr Hund locker an der Leine läuft, ruhig wartet oder sich zuverlässig abrufen lässt.

Dabei vergessen wir häufig, dass unser Hund uns genauso aufmerksam beobachtet.

Er erlebt:

  • Werden wir nervös, sobald ein anderer Hund auftaucht?
  • Verkürzt sich plötzlich die Leine?
  • Werden unsere Bewegungen hektischer?
  • Reden wir plötzlich schneller?
  • Bleiben wir ruhig oder geraten wir selbst unter Stress?
  • Können wir Situationen gelassen aushalten?

Unser Hund kennt unsere Gedanken nicht.

Er sieht jedoch unsere Körpersprache, unsere Muskelspannung, unsere Atmung, unsere Stimme und unsere Bewegungen.

All das sind Informationen.

Deshalb können wir von einem Hund kaum Gelassenheit erwarten, wenn wir ihm selbst ständig Anspannung vorleben.

 

Ruhe lässt sich nicht einfordern – sie muss vorgelebt werden

Gerade im Training erleben wir das immer wieder.

Der Hund soll ruhig auf seiner Decke liegen.

Währenddessen läuft der Mensch ununterbrochen hin und her, wickelt die Leine auf und ab, spricht den Hund ständig an, korrigiert jede Kleinigkeit oder schaut alle paar Sekunden nach ihm.

Der Hund soll ruhig sein.

Der Mensch ist es jedoch nicht.

Für viele Hunde ist das kaum lösbar.

Ruhe entsteht nicht allein durch ein Signal.

Ruhe entsteht durch gemeinsames Erleben.

Wenn wir möchten, dass unser Hund lernt abzuschalten, müssen wir ihm auch zeigen, wie Ruhe aussieht.

Das bedeutet nicht, den Hund zu ignorieren.

Es bedeutet vielmehr, Situationen auszuhalten, Bewegungen bewusst zu reduzieren und selbst berechenbar zu bleiben.

 

Co-Regulation – warum unsere Ruhe unserem Hund helfen kann

Ein junger, unsicherer oder aufgeregter Hund kann seine Erregung häufig noch nicht vollständig selbst regulieren.

Hier kommt ein wichtiger biologischer Mechanismus ins Spiel:

Co-Regulation.

Ein vertrauter Sozialpartner hilft dabei, Sicherheit zu vermitteln.

Das bedeutet nicht, dass wir unserem Hund jede Schwierigkeit abnehmen.

Es bedeutet vielmehr:

  • Ich erkenne, wenn dir etwas zu viel wird.
  • Ich bringe Abstand hinein.
  • Ich treffe Entscheidungen.
  • Ich bleibe möglichst berechenbar.
  • Du musst schwierige Situationen nicht allein lösen.

Ein ruhiger Mensch ist dabei keineswegs passiv.

Er schützt seinen Hund, setzt Grenzen und greift ein, wenn es notwendig ist – jedoch ohne hektisch oder unberechenbar zu werden.

 

Lebenspraktische Fähigkeiten statt reiner Kommandos

Vielleicht liegt genau hier einer der größten Unterschiede zwischen modernem Hundetraining und einem Training, das sich ausschließlich auf Signale konzentriert.

Natürlich dürfen Hunde Kommandos lernen.

Viel wichtiger ist jedoch, dass sie Fähigkeiten entwickeln, die sie in ganz unterschiedlichen Alltagssituationen nutzen können.

Ein Hund, der gelernt hat,

  • sich an seinem Menschen zu orientieren,
  • Frust auszuhalten,
  • Impulse zu kontrollieren,
  • gemeinsam Lösungen zu finden,
  • auch unter Erregung ansprechbar zu bleiben,

ist auf viele Herausforderungen des Lebens deutlich besser vorbereitet als ein Hund, der lediglich eine große Anzahl an Signalen kennt.

Das Futterbeuteltraining – Lernen am Vorbild in der Praxis

Genau dieses natürliche Lernprinzip machen wir uns beispielsweise im Futterbeuteltraining zunutze.

Dabei geht es nicht darum, eine Jagd nachzuspielen oder aus unserem Hund einen „Jäger“ zu machen.

Vielmehr nutzen wir einzelne Bestandteile eines biologisch sinnvollen Verhaltens und übertragen sie in eine kontrollierte gemeinsame Aufgabe.

Der Mensch übernimmt die Führung.

Er entscheidet über Beginn und Ende.

Er gibt den Rahmen vor.

Er organisiert den gemeinsamen Erfolg.

Der Hund lernt dabei weit mehr als das Suchen oder Zurückbringen eines Futterbeutels.

Er entwickelt lebenspraktische Fähigkeiten:

  • Orientierung am Menschen
  • Impulskontrolle
  • Geduld
  • Kooperation
  • Frustrationstoleranz
  • problemlösendes Arbeiten
  • Ausdauer
  • kontrolliertes Arbeiten unter Erregung

Vor allem erlebt er immer wieder, dass sich Zusammenarbeit lohnt.

Genau wie junge Hunde in ihrer sozialen Gemeinschaft durch gemeinsames Erleben wichtige Kompetenzen erwerben, kann auch unser Hund durch solche gemeinsamen Aufgaben Fähigkeiten entwickeln, die ihm weit über das eigentliche Training hinaus im Alltag helfen.

 

Vorbild sein bedeutet nicht, perfekt zu sein

Kein Mensch ist immer ruhig.

Kein Mensch macht alles richtig.

Darum geht es auch gar nicht.

Vorbild sein bedeutet vielmehr, für den Hund berechenbar und verlässlich zu sein.

Es bedeutet, sich bewusst zu machen:

  • Vermittle ich meinem Hund das, was ich gerade von ihm erwarte?
  • Bin ich klar in meinen Entscheidungen?
  • Gebe ich Orientierung?
  • Unterstütze ich meinen Hund, bevor er überfordert ist?
  • Kann mein Hund sich auf mich verlassen?

 

Fazit:

Hunde lernen nicht nur durch Belohnungen oder Kommandos.

Sie lernen durch Beobachtung.

Sie lernen durch gemeinsame Erfahrungen.

Und sie lernen von den Menschen, mit denen sie ihr Leben teilen.

Deshalb beginnt gutes Hundetraining nicht erst auf dem Hundeplatz.

Es beginnt in unserem täglichen Miteinander.

Wenn wir unserem Hund nicht nur Signale beibringen, sondern ihm lebenspraktische Fähigkeiten vermitteln, Orientierung geben und ihm ein verlässlicher Sozialpartner sind, schaffen wir die Grundlage für Vertrauen, Kooperation und einen Hund, der Herausforderungen nicht nur ausführt, sondern sie gemeinsam mit seinem Menschen bewältigen kann.

Denn unser Hund hört nicht nur auf das, was wir sagen.

Er lernt jeden Tag aus dem, was wir ihm vorleben.

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
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