Wenn Erregung Verhalten verändert
Wenn Erregung Verhalten verändert – warum dein Hund plötzlich „nichts mehr kann“
„Zu Hause kann er das perfekt.“
„Eigentlich kennt er das Signal.“
„Er hört mich doch – warum reagiert er nicht?“
„Normalerweise nimmt er sogar ein Stück Trockenfutter. Und jetzt spuckt er die Leberwurst wieder aus.“
Solche Situationen erleben Hundehalter ständig.
Und sehr schnell entsteht der Eindruck:
Der Hund will gerade nicht.
Dabei lohnt sich häufig eine ganz andere Frage:
Wie hoch ist eigentlich gerade seine Erregung?
Denn mit zunehmender Erregung verändert sich nicht nur das sichtbare Verhalten eines Hundes.
Es können sich auch Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Reaktionsbereitschaft und die Fähigkeit zur Verhaltenssteuerung verändern.
Und damit verändert sich unter Umständen ganz erheblich, was ein Hund in einer bestimmten Situation überhaupt leisten kann.
Erregung ist zunächst einmal nichts Schlechtes
Erregung – oder genauer: das Aktivierungsniveau des Organismus – gehört ganz selbstverständlich zum Leben.
Ein Hund braucht Aktivierung, um aufmerksam zu werden, sich zu bewegen, zu spielen, zu jagen, Probleme zu lösen oder auf seine Umwelt zu reagieren.
Ein vollkommen schläfriger Hund wird vermutlich genauso wenig seine beste Trainingsleistung zeigen wie ein Hund, der innerlich völlig „explodiert“.
Entscheidend ist also nicht:
Erregung = schlecht.
Sondern:
Passt das aktuelle Erregungsniveau zu der Aufgabe, die der Hund gerade bewältigen soll?
Denn mit zunehmender Aktivierung verändert sich die Art, wie Informationen verarbeitet und Handlungen ausgewählt werden.
Aufmerksamkeit wird selektiver
Stell dir vor, du sitzt entspannt in einem Café und unterhältst dich mit jemandem.
Du hörst die Musik im Hintergrund.
Du bemerkst Menschen am Nebentisch.
Du siehst vielleicht den Kellner vorbeigehen.
Und trotzdem kannst du deinem Gesprächspartner zuhören.
Jetzt stell dir vor, plötzlich ertönt direkt neben dir ein ohrenbetäubender Knall.
In diesem Moment ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, dass du weiterhin entspannt deinem Gespräch folgst.
Deine Aufmerksamkeit richtet sich automatisch auf das Ereignis, das dein Gehirn gerade als besonders relevant bewertet.
Bei unseren Hunden passiert etwas Ähnliches.
Mit steigender Erregung kann sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf bestimmte Reize verengen.
Der andere Hund.
Das Reh.
Der Ball.
Der Besucher an der Haustür.
Der Geruch im Gebüsch.
Der Hund nimmt seine Umwelt dann nicht mehr unbedingt genauso breit wahr wie in einem ruhigeren Zustand.
Das, was gerade besonders relevant erscheint, bekommt Priorität.
„Aber er hört mich doch!“
Das ist ein wichtiger Punkt.
Ein Hund kann durchaus wahrnehmen, dass sein Mensch etwas sagt – und trotzdem nicht angemessen darauf reagieren.
Denn Wahrnehmen, Verarbeiten und Handeln sind nicht dasselbe.
Vielleicht erreicht das Rückrufsignal akustisch durchaus das Ohr.
Aber gleichzeitig ist der Hund hoch erregt, seine Aufmerksamkeit stark auf einen anderen Reiz ausgerichtet und seine aktuelle Handlungstendenz enorm stark.
Dann konkurriert unser Signal mit etwas, das für den Hund in diesem Moment eine sehr viel höhere Bedeutung besitzt.
Das bedeutet nicht automatisch:
„Er hat beschlossen, mich zu ignorieren.“
Es kann vielmehr bedeuten:
Die Bedingungen, unter denen er dieses Signal normalerweise zuverlässig umsetzen kann, haben sich massiv verändert.
Beispiel: Der Rückruf am Montag – und derselbe Rückruf am Dienstag
Am Montag läuft dein Hund über eine Wiese.
Er schnüffelt.
Du rufst.
Er hebt den Kopf, dreht sich um und kommt zu dir.
Perfekt.
Am Dienstag läuft derselbe Hund über dieselbe Wiese.
Plötzlich springt zehn Meter vor ihm ein Hase auf.
Du rufst.
Keine Reaktion.
Hat dein Hund über Nacht seinen Rückruf vergessen?
Natürlich nicht.
Aber die Situation ist neurobiologisch und motivational eine vollkommen andere.
Das Auftauchen des Hasen kann eine starke Aktivierung auslösen.
Aufmerksamkeit wird gebunden.
Jagdverhalten wird aktiviert.
Der Körper bereitet sich auf Handlung vor.
Die Reaktionsbereitschaft in Richtung des Hasen steigt.
Und gleichzeitig kann die Fähigkeit sinken, innezuhalten, sich vom Reiz zu lösen und eine alternative, gelernte Handlung auszuführen.
Das Signal ist dasselbe.
Der Hund ist derselbe.
Aber sein innerer Zustand ist ein anderer.
Und deshalb kann auch sein Verhalten ein anderes sein.
Beispiel: Hundebegegnungen
Ein Hund sieht in 80 Metern Entfernung einen anderen Hund.
Er schaut kurz hin.
Er kann sich wieder lösen.
Er nimmt Futter.
Er reagiert auf seinen Menschen.
Er kann vielleicht sogar ein bekanntes Signal ausführen.
Der andere Hund kommt näher.
50 Meter.
30 Meter.
20 Meter.
Die Körperspannung steigt.
Der Blick bleibt länger hängen.
Bewegungen verändern sich.
Der Hund beginnt möglicherweise zu hecheln, zieht stärker an der Leine oder reagiert schneller auf Bewegungen des anderen Hundes.
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem sein Mensch sagt:
„Schau!“
„Hier!“
„Komm!“
„Sitz!“
Aber der Hund reagiert kaum noch.
Nicht unbedingt, weil er plötzlich vergessen hat, was „Sitz“ bedeutet.
Sondern möglicherweise, weil seine Erregung inzwischen so hoch ist, dass Aufmerksamkeit und Verhaltenssteuerung deutlich stärker vom Auslöser bestimmt werden.
Und genau deshalb ist Distanz im Training häufig so wichtig.
Wir brauchen Bedingungen, unter denen der Hund noch Informationen aufnehmen und Verhalten beeinflussen kann.
Erregung verändert auch die Reaktionsbereitschaft
Je höher die Erregung, desto schneller und intensiver können Reaktionen ausfallen.
Ein Hund, der entspannt ist, kann vielleicht einen Reiz wahrnehmen, kurz darüber „nachdenken“ und sich anschließend wieder einer anderen Sache widmen.
Ein hoch erregter Hund reagiert möglicherweise sehr viel unmittelbarer.
Ein Geräusch – und er schießt hoch.
Eine Bewegung – und er rennt los.
Ein Hund taucht auf – und er springt in die Leine.
Jemand klingelt – und er rast bellend zur Tür.
Das bedeutet nicht, dass Erregung automatisch Aggression, Jagdverhalten oder Bellen erzeugt.
Aber sie kann beeinflussen, wie schnell bestimmte Verhaltensweisen ausgelöst werden und wie gut alternative Reaktionen noch verfügbar sind.
Auch positive Erregung ist Erregung
Das wird im Alltag häufig unterschätzt.
Nicht nur Angst, Unsicherheit oder Konflikte können Hunde hochfahren.
Auch Vorfreude kann enorme Erregung erzeugen.
Der Hund liebt andere Hunde.
Er sieht seinen besten Hundefreund.
Und plötzlich hängt er kreischend in der Leine.
Der Hund liebt das Training.
Du holst den Futterbeutel heraus.
Und er kann kaum noch zwei Sekunden stillstehen.
Der Hund liebt Autofahrten zum Spaziergang.
Der Kofferraum geht auf – und sämtliche Selbstbeherrschung scheint verschwunden.
Das ist wichtig, weil wir Verhalten sonst schnell falsch interpretieren.
Ein hoch erregter Hund muss nicht zwangsläufig gestresst im Sinne von ängstlich oder unsicher sein.
Auch Erwartung, Freude, Frustration und starke Motivation können das Aktivierungsniveau deutlich erhöhen.
Warum manche Hunde bei hoher Erregung kein Futter mehr nehmen
Auch das kennen viele Hundehalter.
Zu Hause funktioniert Käse hervorragend.
Auf dem Trainingsplatz auch.
Dann taucht der schwierige Reiz auf – und plötzlich interessiert sich der Hund nicht einmal mehr für die Leberwurst.
Das bedeutet nicht zwangsläufig:
„Das Leckerchen ist nicht hochwertig genug.“
Es kann ein wichtiger Hinweis darauf sein, dass andere Motivations- und Aktivierungssysteme gerade wesentlich stärker sind.
Deshalb ist die Lösung nicht immer, noch besseres Futter vor die Nase zu halten.
Manchmal lautet die wesentlich sinnvollere Frage:
Ist mein Hund gerade überhaupt noch in einem Zustand, in dem dieses Training sinnvoll stattfinden kann?
Das berühmte „Er kann es doch eigentlich“
Genau hier liegt eines der größten Missverständnisse im Hundetraining.
Gelerntes Verhalten steht nicht unter allen Bedingungen automatisch in derselben Qualität zur Verfügung.
Ein Hund kann ein Signal hervorragend beherrschen:
im Wohnzimmer.
Im Garten.
Auf einer ruhigen Straße.
Auf dem Hundeplatz.
Und trotzdem Schwierigkeiten damit haben:
wenn ein Reh losspringt,
wenn ein fremder Hund frontal auf ihn zukommt,
wenn Besuch klingelt,
wenn er seit einer Stunde hochgefahren ist,
wenn er frustriert ist,
oder wenn die gesamte Situation für ihn emotional hoch relevant ist.
Deshalb bedeutet Training nicht nur:
„Mein Hund kennt das Signal.“
Training bedeutet auch:
„Mein Hund lernt, dieses Verhalten unter zunehmend anspruchsvolleren Bedingungen auszuführen.“
Und diese Steigerung muss sinnvoll aufgebaut werden.
Hohe Erregung entsteht außerdem nicht immer erst in diesem Moment
Auch das ist für den Alltag enorm wichtig.
Manchmal betrachten wir nur den unmittelbaren Auslöser.
Der Hund explodiert beim fünften Hund des Spaziergangs – also muss dieser fünfte Hund besonders schlimm gewesen sein.
Vielleicht.
Vielleicht war das Nervensystem aber bereits vorher stark aktiviert.
Der Hund hat schlecht geschlafen.
Zu Hause war Besuch.
Dann gab es eine aufregende Autofahrt.
Auf dem Spaziergang kamen zwei schwierige Hundebegegnungen.
Ein Fahrradfahrer rauschte dicht vorbei.
Dann wurde noch gespielt.
Und schließlich taucht Hund Nummer fünf auf.
Erregung hat eine Vorgeschichte.
Deshalb lohnt es sich bei Verhaltensproblemen immer, nicht nur die letzten fünf Sekunden vor einer Reaktion anzuschauen.
Wie sah der Tag aus?
Wie viel Ruhe gab es?
Welche aufregenden Ereignisse gab es bereits?
Wie schnell fährt dieser Hund grundsätzlich hoch?
Und vor allem:
Wie gut findet er anschließend wieder zurück in einen ruhigeren Zustand?
Lernen findet nicht automatisch dort am besten statt, wo es am schwierigsten ist
„Da muss er jetzt durch.“
Dieser Gedanke hält sich im Hundetraining hartnäckig.
Dabei brauchen wir für gutes Lernen Bedingungen, unter denen das Gehirn Informationen überhaupt sinnvoll verarbeiten kann.
Das bedeutet nicht, dass ein Hund niemals Erregung erleben darf.
Ganz im Gegenteil.
Ein Hund muss auch lernen, unter Aktivierung handlungsfähig zu bleiben und nach Erregung wieder herunterzufahren.
Aber dafür müssen Anforderungen dosiert werden.
Wir möchten nicht ausschließlich in Situationen trainieren, in denen der Hund bereits so hoch erregt ist, dass kaum noch Alternativverhalten verfügbar ist.
Wir möchten den Bereich finden, in dem Herausforderung vorhanden ist – aber Lernen noch möglich bleibt.
Deshalb trainieren wir nicht nur Verhalten – sondern berücksichtigen den Zustand des Hundes
Wenn ein Hund in einer Situation immer wieder „aussteigt“, sollten wir nicht ausschließlich fragen:
„Wie bringe ich ihn dazu, das gewünschte Verhalten trotzdem zu zeigen?“
Wir sollten zusätzlich fragen:
Wie erregt ist dieser Hund gerade?
Worauf richtet sich seine Aufmerksamkeit?
Was nimmt er überhaupt noch wahr?
Wie schnell reagiert er?
Kann er sich noch vom Auslöser lösen?
Kann er bekannte Verhaltensweisen noch abrufen?
Kann er Futter nehmen und tatsächlich verarbeiten?
Wie schnell findet er anschließend wieder in einen ruhigeren Zustand?
Denn Verhalten entsteht nicht unabhängig vom inneren Zustand.
Und manchmal ist ein Hund, der gerade scheinbar „nicht hören will“, vor allem eines:
in einem völlig anderen Zustand als in den Situationen, in denen wir ihm beigebracht haben, was er tun soll.
Das zu erkennen bedeutet nicht, unerwünschtes Verhalten einfach hinzunehmen.
Es bedeutet, Training dort anzusetzen, wo Verhalten tatsächlich entsteht.
Nicht nur beim sichtbaren Ergebnis.
Sondern auch bei Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Emotion, Motivation und Erregung.
Denn wenn wir verstehen, in welchem Zustand ein Hund handelt, verstehen wir häufig sehr viel besser, warum er sich gerade so verhält.
