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Wasser predigen und Wein trinken?

– Wenn Hundewissen nur nach außen funktioniert

Es gibt ein Sprichwort, das in der Hundewelt manchmal erstaunlich gut passt:

Wasser predigen und Wein trinken.

Gemeint sind damit nicht Menschen, deren Hunde nicht „perfekt funktionieren“. Perfektion interessiert mich ohnehin wenig. Hunde sind Lebewesen, keine Vorzeigeprojekte. Und natürlich hat auch ein Hundetrainer Hunde mit Themen, Baustellen, Eigenheiten und schlechten Tagen.

Darum geht es nicht.

Es geht um etwas anderes.

Um Menschen, die sehr genau wissen, wie andere ihre Hunde erziehen sollten. Die ungefragt erklären, analysieren, korrigieren und bewerten. Die in Gesprächen, auf Social Media oder am Rande eines Trainingsplatzes mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit erzählen, was ein Hundehalter falsch macht, was ein anderer Trainer besser machen müsste und wie „gute Hundeerziehung“ angeblich auszusehen hat.

Manchmal sind es Mitbewerber. Manchmal Menschen, die gerade erst begonnen haben, sich intensiver mit Hundetraining zu beschäftigen. Manchmal selbsternannte Experten oder jene Sorte „Hundeversteher“, die gefühlt zu jedem Hund und jeder Situation innerhalb weniger Minuten eine fertige Erklärung liefern können.

Das Lehrbuch sitzt.

Die Fachbegriffe auch.

Aber wenn man genauer hinsieht, fehlt etwas Entscheidendes:

die Übertragung des eigenen Wissens ins wirkliche Leben.

 

Wissen erzählen können ist nicht dasselbe wie Wissen leben

Es ist erstaunlich leicht, über Führung, Orientierung, Frustrationstoleranz, Impulskontrolle, Sicherheit oder Beziehung zu sprechen.

Sehr viel schwieriger ist es, diese Dinge im Alltag konsequent umzusetzen.

Denn dort gibt es keine perfekt vorbereitete Trainingssituation.

Da gibt es den Hund, der an der Leine explodiert.

Den Hund, der nicht ansprechbar ist.

Den Hund, der andere Hunde massiv bedrängt.

Den Hund, der keinerlei Grenzen akzeptiert.

Den Hund, der gelernt hat, dass sein Mensch zwar viel redet, aber wenig durchsetzt.

Und genau an dieser Stelle zeigt sich für mich, wie belastbar eine Philosophie wirklich ist.

Nicht daran, wie überzeugend jemand darüber sprechen kann.

Sondern daran, ob die eigenen Überzeugungen auch dann noch Bestand haben, wenn es unbequem wird.

 

Der eigene Hund ist kein Abschlusszeugnis – aber durchaus ein Spiegel

Damit wir uns nicht falsch verstehen:

Ein Hundetrainer muss keinen perfekten Hund besitzen.

Im Gegenteil. Gerade schwierige Hunde können unglaublich viel lehren.

Manche der besten Trainer, die ich kenne, hatten oder haben Hunde, die alles andere als unkompliziert sind.

Der Unterschied liegt für mich woanders.

Ein guter Trainer kann sagen:

„An dieser Stelle haben wir selbst ein Thema.“

Er kann benennen, woran er arbeitet.

Er kann erklären, warum etwas noch nicht funktioniert.

Und er muss nicht so tun, als wäre jeder Stolperstein plötzlich eine bewusste Trainingsentscheidung.

Das empfinde ich als fachliche Stärke.

Problematisch wird es für mich dort, wo nach außen ein Ideal verkauft wird, das im eigenen Alltag offensichtlich keinerlei Anwendung findet.

Wenn anderen Menschen beispielsweise erklärt wird, wie wichtig Orientierung am Menschen sei, während der eigene Hund seinen Menschen draußen kaum wahrnimmt.

Wenn Grenzen bei anderen eingefordert werden, während der eigene Hund sämtliche Entscheidungen selbst trifft.

Wenn Haltern erklärt wird, ihr Hund müsse lernen, Frust auszuhalten, während beim eigenen Hund jede Form von Konflikt vermieden wird.

Oder wenn sehr genau analysiert wird, warum ein fremder Hund bestimmte Verhaltensweisen zeigt, während vergleichbare Verhaltensweisen beim eigenen Hund schöngeredet werden.

Dann entsteht für mich eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit.

Und die darf man durchaus hinterfragen.

 

Wer andere bewertet, sollte auch sich selbst betrachten können

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Probleme unserer heutigen Hundewelt.

Es wird unglaublich viel bewertet.

Videos werden analysiert, ohne Hund und Mensch zu kennen.

Trainerkollegen werden beurteilt, ohne deren Trainingsprozess gesehen zu haben.

Hundehalter bekommen ungefragt Ratschläge.

Und manchmal genügt inzwischen ein Wochenendseminar, ein Social-Media-Account und ein gut gefüllter Werkzeugkasten an Fachbegriffen, um sich berufen zu fühlen, anderen die Welt des Hundetrainings zu erklären.

Was dabei schnell verloren geht, ist Demut.

Denn mit zunehmender Berufserfahrung passiert häufig etwas Interessantes:

Man wird nicht automatisch lauter.

Oft wird man vorsichtiger.

Weil man irgendwann verstanden hat, wie komplex Verhalten ist.

Wie unterschiedlich Hunde sind.

Wie sehr Umfeld, Genetik, Lerngeschichte, Gesundheit, Nervensystem, Mensch-Hund-Beziehung und Alltag ineinandergreifen.

Und dass es selten die eine schnelle Erklärung gibt.

Je länger ich mit Hunden arbeite, desto weniger beeindrucken mich deshalb Menschen, die auf alles sofort eine Antwort haben.

Mich beeindrucken Menschen, die gute Fragen stellen.

 

Fachlichkeit zeigt sich auch in Selbstkritik

Für mich gehört zu professionellem Hundetraining deshalb zwingend die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Was funktioniert bei meinem eigenen Hund?

Was funktioniert nicht?

Wo habe ich vielleicht selbst zu spät reagiert?

Wo habe ich etwas unterschätzt?

Wo passt meine Theorie nicht zu dem, was ich im Alltag tatsächlich tue?

Und möglicherweise die unangenehmste Frage:

Würde ich einem Kunden das empfehlen, was ich gerade selbst mache?

Wenn die Antwort darauf regelmäßig Nein lautet, sollte man vielleicht nicht zuerst den nächsten Hundehalter korrigieren.

Sondern das eigene Handeln überprüfen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Trainer fehlerfrei sein muss.

Aber wer beruflich oder öffentlich Maßstäbe für andere setzt, muss meiner Meinung nach bereit sein, diese Maßstäbe zumindest auch an sich selbst anzulegen.

 

Hundeerziehung ist keine Bühne

Gerade Social Media hat unsere Branche verändert.

Hundetraining wird sichtbar.

Das kann großartig sein. Wissen ist heute leichter zugänglich als jemals zuvor.

Aber Sichtbarkeit erzeugt auch eine gewisse Versuchung.

Man kann sehr schnell kompetent wirken.

Ein gutes Video.

Ein paar Fachbegriffe.

Eine eindeutige Meinung.

Eine schöne Erklärung darüber, warum etwas richtig oder falsch ist.

Doch Kompetenz entsteht nicht dadurch, dass man Kompetenz überzeugend darstellen kann.

Sie zeigt sich im Alltag.

In Entscheidungen.

Im Umgang mit schwierigen Situationen.

In der Fähigkeit, Fehler einzugestehen.

Und auch darin, nicht jede Gelegenheit nutzen zu müssen, einem anderen Menschen ungefragt zu erklären, wie er seinen Hund zu führen hat.

Manchmal ist nämlich auch Zurückhaltung ein Zeichen von Fachwissen.

 

Vielleicht sollten wir wieder etwas weniger predigen

Ich wünsche mir für unsere Branche an manchen Stellen weniger Lautstärke und mehr Substanz.

Weniger schnelle Urteile.

Weniger gegenseitiges Belehren.

Weniger „So musst du das machen“.

Und dafür etwas mehr Ehrlichkeit darüber, dass Hundetraining komplex ist und dass auch Menschen mit viel Erfahrung nicht jede Situation perfekt lösen.

Vor allem aber wünsche ich mir eines:

Dass wir die Maßstäbe, die wir so selbstverständlich an andere anlegen, gelegentlich auch auf uns selbst richten.

Denn über Hundeerziehung zu sprechen ist leicht.

Sie im Alltag konsequent, fair und authentisch zu leben, ist deutlich schwieriger.

Und vielleicht beginnt echte Fachlichkeit genau dort:

Nicht bei der Frage, wie gut ich anderen erklären kann, was sie tun sollten.

Sondern bei der Frage, ob ich selbst bereit bin, nach denselben Grundsätzen zu handeln.

Wer Wasser predigt, muss keinen vollkommen leeren Weinkeller haben.

Aber hin und wieder sollte er vielleicht überprüfen, was tatsächlich im eigenen Glas ist.

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
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