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Die Leine ist keine Strafe! – Warum wir unsere Hunde nicht aus Ärger anleinen sollten

„So, jetzt reicht’s! Ab an die Leine!“

Ein Satz, den vermutlich jeder Hundehalter schon einmal gehört oder vielleicht sogar selbst ausgesprochen hat.

Der Hund kommt nicht, obwohl man ihn mehrfach gerufen hat. Er schnüffelt seelenruhig weiter, bedrängt einen anderen Hund oder hat sich im Freilauf schlichtweg anders verhalten, als wir es uns vorgestellt haben.

Und irgendwann ist die Geduld am Ende.

Wir marschieren auf unseren Hund zu, greifen nach dem Halsband, hängen die Leine ein und beenden demonstrativ seinen Freilauf.

Schließlich soll der Hund ja merken, dass sein Verhalten Konsequenzen hat.

Aber was lernt unser Hund in diesem Moment eigentlich wirklich?

 

Ein kleiner Ausflug auf die Schafweide

Stellen wir uns folgende Situation vor:

Wir sind mit unserem Hund unterwegs. Herrliches Wetter, entspannter Spaziergang, der Hund darf frei laufen und genießt sein Leben.

Plötzlich entdeckt er etwas unglaublich Interessantes am Wegesrand.

Schafskot!

Für uns Menschen bestenfalls ein Grund, angewidert die Nase zu rümpfen. Für unseren Hund offensichtlich das Parfüm des Jahres.

Noch bevor wir überhaupt reagieren können, liegt er bereits auf dem Rücken und wälzt sich mit einer Begeisterung in den Hinterlassenschaften, die wir uns manchmal bei unserem Rückruf wünschen würden.

„Nein! Pfui! Bist Du wahnsinnig ?!“

Zu spät.

Der Hund steht auf, schüttelt sich und kommt möglicherweise sogar noch ausgesprochen zufrieden auf uns zu.

Wir hingegen sind bedient.

Der Hund stinkt erbärmlich, die Vorstellung von der anschließenden Autofahrt ist wenig erfreulich und die gute Laune hat sich gerade vollständig verabschiedet.

Also wird der Hund mit entsprechend finsterem Gesicht angeleint.

„So! Für dich ist der Freilauf jetzt beendet!“

Und während wir innerlich bereits über das bevorstehende Badeprogramm nachdenken, glauben wir vielleicht sogar, unserem Hund gerade eine wichtige Lektion erteilt zu haben.

Aber haben wir das wirklich?

 

Was unser Hund tatsächlich aus dieser Situation mitnimmt

Zunächst einmal müssen wir verstehen, dass Hunde Situationen anders bewerten als wir Menschen.

Unser Hund hat sich nicht in Schafskot gewälzt, um uns zu ärgern. Er hat keine Vorstellung davon, dass wir anschließend möglicherweise das Auto reinigen oder ihn baden müssen.

Für ihn war das Wälzen zunächst einmal ein Verhalten, das aus seiner eigenen Motivation heraus entstanden ist.

Und nun kommt sein Mensch.

Mit angespannter Körperhaltung, verärgerter Stimme, möglicherweise hektischen Bewegungen und einer deutlich veränderten Stimmung.

Die Leine wird eingehakt, vielleicht sogar etwas ruppiger als gewöhnlich.

Was soll unser Hund daraus lernen?

Dass Schafskot tabu ist? Dass Wälzen grundsätzlich unerwünscht ist? Dass sein Mensch anschließend das Auto putzen muss?

Wohl kaum.

Was er aber durchaus lernen kann, ist etwas ganz anderes:

Wenn mein Mensch in dieser Stimmung auf mich zukommt, wird es unangenehm.

Und genau hier liegt das Problem.

Hunde lernen durch Verknüpfungen. Dabei spielen nicht nur die unmittelbaren Konsequenzen ihres Verhaltens eine Rolle, sondern auch die Emotionen, die sie mit bestimmten Situationen, Gegenständen oder Handlungen verbinden.

Wird ein Hund regelmäßig in einer angespannten oder unangenehmen Situation angeleint, kann das Anleinen selbst zunehmend negativ besetzt werden.

Die Leine bekommt damit eine Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben sollte.

 

Die Leine ist ein Hilfsmittel, kein Strafinstrument

Unsere Hunde sollten das Anleinen als etwas völlig Selbstverständliches erleben.

Es bedeutet zunächst einmal nichts anderes, als dass wir vorübergehend ihre Bewegungsfreiheit begrenzen, Verantwortung für ihre Sicherheit übernehmen oder bestimmte Situationen gemeinsam bewältigen möchten.

Die Leine sollte deshalb möglichst neutral oder positiv verknüpft sein. Sie sollte nicht zum Ausdruck unserer schlechten Laune werden.

Denn wenn wir unsere Hunde regelmäßig genau dann anleinen, wenn wir uns über sie ärgern, können sich daraus ungünstige Lernerfahrungen entwickeln.

Und irgendwann wundern wir uns vielleicht darüber, dass unser Hund plötzlich einen Bogen um uns macht, sobald wir die Leine in die Hand nehmen.

Oder dass er zwar grundsätzlich gut abrufbar ist, sich aber nur widerwillig anleinen lässt.

Vielleicht kommt er sogar zuverlässig zurück, bleibt dann jedoch vorsichtshalber auf Abstand stehen, sobald wir nach dem Karabiner greifen.

Dann haben wir möglicherweise genau das erreicht, was wir eigentlich vermeiden wollten:

Unser Hund verbindet das Anleinen mit etwas Unangenehmem.

Und das oft völlig unbewusst.

Aber Konsequenzen müssen doch sein!

Natürlich müssen wir als Hundehalter Grenzen setzen und Entscheidungen treffen.

Und selbstverständlich gibt es Situationen, in denen wir den Freilauf beenden müssen.

Wenn unser Hund andere Hunde bedrängt, Wild hinterherlaufen möchte, sich nicht mehr ausreichend an uns orientiert oder eine Situation schlichtweg zu unübersichtlich wird, kann das Anleinen absolut sinnvoll und notwendig sein.

Aber es macht einen entscheidenden Unterschied, aus welcher Motivation heraus wir handeln.

Leine ich meinen Hund an, weil ich eine Situation verantwortungsvoll regulieren möchte?

Oder leine ich ihn an, weil ich wütend bin und ihm jetzt zeigen möchte, dass sein Verhalten Konsequenzen hat?

 

Auch lerntheoretisch lohnt sich hier eine genauere Betrachtung.

Natürlich können Hunde lernen, dass ein bestimmtes Verhalten dazu führt, dass eine angenehme Möglichkeit endet. Der Entzug einer geschätzten Freiheit kann unter entsprechenden Voraussetzungen durchaus Einfluss auf zukünftiges Verhalten haben.

Allerdings müssen dafür bestimmte Bedingungen erfüllt sein.

Die Konsequenz muss für den Hund zeitlich und situativ nachvollziehbar mit seinem Verhalten zusammenhängen. Nur dann besteht überhaupt die Möglichkeit, dass er eine entsprechende Verknüpfung herstellt.

Wenn unser Hund sich vor zwei Minuten in Schafscheiße gewälzt hat, anschließend noch ein paar Meter gelaufen ist und wir ihn erst dann verärgert anleinen, ist keineswegs selbstverständlich, dass er diese beiden Ereignisse miteinander verbindet.

Viel unmittelbarer erlebt er unsere aktuelle Stimmung und die Art, wie wir mit ihm umgehen.

Und genau deshalb sollten wir uns fragen, ob wir gerade tatsächlich etwas Sinnvolles vermitteln oder lediglich unserem Ärger Luft machen.

 

Wenn aus Ärger vermeintliches Schuldbewusstsein wird

Wir Menschen sind nun einmal emotionale Wesen.

Natürlich ärgern wir uns manchmal über unsere Hunde. Wenn der Rückruf zum dritten Mal ignoriert wird oder der frisch gewaschene Hund sich genüsslich im nächsten Misthaufen wälzt, kann einem durchaus der Geduldsfaden reißen.

Das ist menschlich.

Problematisch wird es allerdings, wenn wir unsere Emotionen mit einer erzieherischen Konsequenz verwechseln.

Hunde nehmen unsere Körpersprache, unsere Stimme und unsere emotionale Verfassung sehr genau wahr.

Unsere Anspannung verändert die gesamte Kommunikation.

Und wenn sich unser Hund in diesem Moment geduckt nähert, beschwichtigt, ausweicht oder Abstand hält, wird das häufig als schlechtes Gewissen interpretiert.

„Jetzt weiß er ganz genau, dass er Mist gebaut hat!“

Nein, das lässt sich daraus nicht ableiten.

Möglicherweise weiß er vor allem, dass sein Mensch gerade ziemlich unangenehm drauf ist.

Sein Verhalten kann eine unmittelbare Reaktion auf unsere Körpersprache und Stimmung sein oder auf Erfahrungen beruhen, die er in vergleichbaren Situationen bereits gemacht hat.

Ein Hund, der beschwichtigt, zeigt damit nicht automatisch, dass er sein vorheriges Verhalten als falsch erkannt hat.

Und wenn wir seine Unsicherheit dann auch noch als Schuldeingeständnis werten, laufen wir Gefahr, unsere eigene Reaktion weiter zu verstärken.

Dabei sollten wir uns viel eher fragen, was unser Hund in diesem Moment tatsächlich wahrnimmt und welche Lernerfahrungen wir gerade ermöglichen.

 

Wie können wir es besser machen?

Indem wir zunächst einmal zwischen notwendigem Management und unserem persönlichen Ärger unterscheiden.

Unser Hund darf auch dann ruhig und freundlich angeleint werden, wenn er sich unmittelbar vorher aus unserer Sicht völlig danebenbenommen hat.

Wir können eine Situation beenden, ohne daraus eine emotionale Strafaktion zu machen.

Wir können Grenzen setzen, ohne dabei wütend zu werden.

Und wir können Verantwortung übernehmen, ohne unserem Hund zu vermitteln, dass die Leine etwas Unangenehmes ankündigt.

Besonders sinnvoll ist es, das Anleinen immer wieder unabhängig von problematischen Situationen in den Alltag einzubauen.

Der Hund wird freundlich herangerufen, angeleint, vielleicht ein kleines Stück begleitet und anschließend wieder abgeleint.

So lernt er, dass das Anleinen nicht grundsätzlich bedeutet, dass der Spaß vorbei ist.

Denn auch das erleben wir im Training immer wieder:

Hunde, die sich nur schwer anleinen lassen, weil sie gelernt haben, dass damit grundsätzlich das Ende des Freilaufs verbunden ist.

Wenn jeder Rückruf dazu führt, dass der Hund angeleint wird und anschließend nichts Spannendes mehr passiert, kann seine Motivation, zu uns zurückzukommen, mit der Zeit deutlich abnehmen.

Deshalb gehört zu einem guten Rückruftraining für mich auch, dass das Herankommen und das Anleinen immer wieder mit angenehmen Erfahrungen verbunden sind.

Mal geht es anschließend angeleint weiter.

Mal darf der Hund nach kurzer Zeit wieder frei laufen. Mal folgt ein kurzes gemeinsames Spiel an der Leine.

Und manchmal gibt es für das Herankommen einfach eine schöne gemeinsame Interaktion, ohne dass überhaupt eine Leine ins Spiel kommt.

Entscheidend ist, dass unser Hund gerne zu uns kommt und sich bereitwillig anleinen lässt.

 

Und zurück zum Schafskot:

Natürlich müssen wir unseren Hund anschließend nicht begeistert dafür feiern, dass er gerade ein besonders intensives Duftbad genommen hat.

Wir dürfen uns ärgern.

Wir dürfen das Ganze ziemlich ekelhaft finden.

Und wir dürfen unseren Hund selbstverständlich anleinen, um zu verhindern, dass er sich gleich im nächsten Haufen erneut wälzt.

Aber das Anleinen sollte dann eine sachliche Entscheidung sein und kein Ausdruck unserer Wut.

Wenn wir verhindern möchten, dass sich unser Hund zukünftig wieder in Schafskot wälzt, sollten wir uns vielmehr mit seinem Verhalten beschäftigen.

Was kündigt dieses Wälzen an?

Welche Körpersprache zeigt unser Hund unmittelbar davor?

Wie können wir frühzeitig eingreifen?

Welche Alternativen können wir ihm vermitteln?

Und wie gestalten wir das Training so, dass unser Hund überhaupt eine realistische Chance hat, sich zukünftig anders zu verhalten?

Denn genau dort beginnt für mich sinnvolle Erziehung.

Nicht in dem Moment, in dem wir wütend den Karabiner einhaken.

Sondern dort, wo wir Verhalten verstehen, vorausschauend handeln und unserem Hund helfen, erwünschte Alternativen zu entwickeln.

 

Mein Wunsch an euch:

Betrachtet die Leine nicht als Mittel, um eurem Hund euren Ärger mitzuteilen.

Sie ist weder ein Strafzettel noch ein Instrument, mit dem wir unsere Enttäuschung zum Ausdruck bringen sollten.

Sie ist ein alltägliches Hilfsmittel, das uns dabei unterstützt, unseren Hund sicher und verantwortungsvoll durch unterschiedliche Situationen zu begleiten.

Natürlich dürfen und müssen wir Freiheiten manchmal einschränken. Und selbstverständlich müssen wir auch Entscheidungen treffen, die unserem Hund gerade nicht gefallen.

Aber wir sollten dabei möglichst sachlich, fair und berechenbar bleiben.

Denn ein Hund, der sich gerne anleinen lässt, der Vertrauen in unsere Entscheidungen hat und der auch nach einem aufregenden Erlebnis bereitwillig zu uns zurückkommt, ist im Alltag unglaublich viel wert.

Es wäre doch schade, wenn wir uns diese Bereitschaft durch unseren eigenen Ärger kaputtmachen würden.

Vielleicht denken wir beim nächsten Spaziergang einfach einmal daran, wenn unser Hund etwas tut, das uns so richtig auf die Palme bringt:

Die Leine ist keine Strafe.

Und unser Hund muss auch nicht erst einen Fehler machen, damit wir Verantwortung übernehmen.

In diesem Sinne: Bleibt gelassen, auch wenn euer Hund gerade beschlossen hat, dass Eau de Schaf der neueste Trend ist.

Euer Hund wird es euch danken.

Und die Autositze vielleicht auch. 😉🐾

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
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