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Wenn Helfen müde macht – mentale Gesundheit im Hundetraining

Wenn Helfen müde macht – mentale Gesundheit im Hundetraining

Wer mit Tieren arbeitet, macht das meistens nicht einfach nur, weil es irgendein Beruf ist.

Viele von uns haben sich ganz bewusst für diese Arbeit entschieden, weil uns Tiere wichtig sind. Weil wir etwas verbessern möchten. Weil wir Menschen dabei unterstützen wollen, ihre Hunde besser zu verstehen. Weil wir Verantwortung übernehmen und weil es uns eben nicht egal ist, wie es dem Hund am Ende einer Leine geht.

Genau das macht diesen Beruf wunderschön.

Und manchmal macht genau das ihn verdammt anstrengend.

Über die mentale Gesundheit von Menschen in Tierberufen wird meiner Meinung nach noch immer viel zu wenig gesprochen. Über Erschöpfung, Überforderung, emotionale Belastung, Burnout oder darüber, was es eigentlich mit einem Menschen macht, über viele Jahre hinweg nicht nur fachlich zu arbeiten, sondern ständig auch emotional beteiligt zu sein.

Ich kann inzwischen aus eigener Erfahrung sagen:

Burnout ist nichts, von dem man automatisch verschont bleibt, nur weil man seinen Beruf liebt.

Vielleicht ist manchmal sogar das Gegenteil der Fall.

 

Wir arbeiten nicht nur mit Hunden

Ein Satz, den man in unserem Beruf häufig hört, lautet:

„Eigentlich trainiert ihr doch die Menschen und nicht die Hunde.“

Ganz falsch ist das nicht.

Hundetraining bedeutet Kommunikation. Beziehung. Konflikte. Erwartungen. Enttäuschungen. Ängste. Hoffnungen. Schuldgefühle. Frustration. Manchmal Trauer.

Ein Hund lebt schließlich nicht losgelöst von seinem Menschen. Wenn etwas im Zusammenleben nicht funktioniert, betreten wir deshalb zwangsläufig auch einen Teil des privaten Lebens unserer Kundinnen und Kunden.

Wir erfahren von Trennungen, Erkrankungen, Problemen mit Kindern, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, finanziellen Sorgen, Todesfällen, Streit innerhalb der Familie und manchmal von sehr persönlichen Dingen, von denen wir zehn Minuten vorher noch nicht einmal wussten, dass wir sie gleich erfahren werden.

Das ist nicht grundsätzlich schlimm.

Im Gegenteil: Manche Informationen sind wichtig, um eine Situation überhaupt verstehen und einen Hund vernünftig einschätzen zu können.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen relevanten Informationen und der Erwartung, dass ein Dienstleister gleichzeitig Trainer, Krisenmanager, Seelsorger, Therapeut und rund um die Uhr erreichbarer Ansprechpartner ist.

Und genau diese Grenzen verschwimmen in unserem Beruf erstaunlich schnell.

 

Aus einem Dienstleistungsverhältnis wird manchmal etwas anderes

Wer regelmäßig mit Menschen und ihren Hunden arbeitet, kennt wahrscheinlich Situationen wie diese:

Man gibt einen Kommunikationsweg vor – und wird trotzdem über den privaten Messenger kontaktiert.

Man bittet darum, organisatorische Dinge per E-Mail zu klären – bekommt sie aber über drei andere Kanäle geschickt.

Man richtet vielleicht sogar eine automatische Antwort ein, in der freundlich erklärt wird, dass dieser Kanal nicht für organisatorische Anliegen genutzt wird und wo man stattdessen erreichbar ist.

Und trotzdem antwortet man manchmal.

Nicht, weil die Grenze plötzlich keinen Sinn mehr ergibt.

Sondern weil man sich verpflichtet fühlt.

Weil man denkt: „Jetzt hat die Person schon geschrieben, dann antworte ich eben schnell.“

Weil man nicht unfreundlich wirken möchte.

Weil man niemanden vor den Kopf stoßen möchte.

Weil man nicht als kompliziert, unflexibel oder als „der Buhmann“ wahrgenommen werden möchte.

Und genau an dieser Stelle beginnt manchmal etwas, das man selbst zunächst kaum bemerkt:

Man übergeht die eigene Grenze gleich mit.

Man hat eigentlich längst entschieden, wie Kommunikation stattfinden soll. Man hat diesen Weg erklärt. Vielleicht sogar mehrfach. Und trotzdem verhält man sich nach außen so, als wäre diese Grenze verhandelbar, weil man den unangenehmen Moment vermeiden möchte, sie tatsächlich durchzusetzen.

Das ist eine Form des Sich-selbst-Anpassens, die auf Dauer unglaublich viel Energie kosten kann.

Man maskiert die eigene Überforderung.

Man reagiert freundlich, obwohl man eigentlich gerade Ruhe bräuchte.

Man beantwortet eine Nachricht, obwohl man sich vorgenommen hatte, es nicht mehr zu tun.

Man sagt „kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist.

Und irgendwann merkt man vielleicht, dass man anderen Menschen ständig vermittelt hat, alles sei in Ordnung – obwohl man selbst längst über die eigenen Grenzen gegangen ist.

Das Problem ist dabei nicht die einzelne Nachricht.

Das Problem entsteht dort, wo ein klar kommunizierter Weg immer wieder ignoriert wird und man dadurch immer wieder in dieselbe innere Situation gerät:

Antworte ich trotzdem?

Bin ich jetzt unhöflich, wenn ich es nicht tue?

Muss ich meine Grenze schon wieder erklären?

Und genau diese kleinen Entscheidungen summieren sich.

Grenzen schützen nämlich nur dann, wenn wir sie nicht jedes Mal aus schlechtem Gewissen selbst wieder einreißen.

Man nennt Geschäftszeiten – und erhält spätabends, sonntags oder im Urlaub Nachrichten mit der Erwartung, möglichst sofort zu reagieren.

Eine Rechnung ist offen und aus der sachlichen Bitte um Zahlung entsteht plötzlich ein Gespräch über die gesamte persönliche oder finanzielle Lebenssituation.

Ein Abo wurde nicht rechtzeitig gekündigt und nun soll die individuelle Situation dazu führen, dass eine vertragliche Vereinbarung im Nachhinein nicht mehr gelten soll.

Eine gebuchte Stunde kann aufgrund von Arbeit, privaten Verpflichtungen oder anderen Umständen auf Kundenseite nicht wahrgenommen werden – und plötzlich entsteht die Erwartung, es müsse selbstverständlich einen Anspruch darauf geben, diese Stunde nachzuholen.

Eine vereinbarte Ausfallregelung wird diskutiert, weil der persönliche Grund für die Absage aus Sicht des Kunden besonders nachvollziehbar erscheint.

Natürlich darf man für all diese Situationen Verständnis haben.

Ich habe sehr viel Verständnis dafür, dass das Leben manchmal dazwischenkommt. Dass Menschen krank werden. Dass Beziehungen zerbrechen. Dass Geld plötzlich knapp wird. Dass Kinder Betreuung brauchen. Dass die Arbeit dazwischenkommt. Dass Dinge passieren, die niemand geplant hat.

Aber Verständnis bedeutet nicht automatisch, dass sich dadurch jede Grenze eines anderen Menschen auflöst.

Ein persönlicher Grund kann erklären, warum etwas passiert ist.

Er bedeutet nicht automatisch, dass Rechnungen, Kündigungsfristen, Absageregelungen oder andere Vereinbarungen deshalb keine Bedeutung mehr haben.

Und auch hier liegt die Belastung selten in einem einzelnen Gespräch.

Natürlich darf jemand einmal nachfragen.

Natürlich kann es Missverständnisse geben.

Natürlich kann eine Regel erklärt werden.

Mental anstrengend wird es dort, wo dieselben grundsätzlichen Diskussionen immer und immer wieder geführt werden müssen – mit unterschiedlichen Menschen, aber häufig über dieselben Themen.

Dann ist es eben nicht mehr die eine Diskussion über eine Absage.

Es ist die zehnte, zwanzigste oder fünfzigste Diskussion darüber, warum eine Absageregelung auch dann gilt, wenn der persönliche Grund nachvollziehbar ist.

Nicht die eine Frage zu einer Vertragslaufzeit.

Sondern immer wieder die Situation, dass eine bereits bekannte Vereinbarung in dem Moment neu verhandelt werden soll, in dem ihre Konsequenz unangenehm wird.

Und genau diese Wiederholung macht etwas mit einem.

 

Kulanz ist kein Anspruch

Gerade im Dienstleistungsbereich wird meiner Meinung nach häufig etwas miteinander verwechselt: Entgegenkommen und Verpflichtung.

Viele Unternehmen versuchen, Lösungen zu finden.

Vielleicht gibt es Möglichkeiten, eine ausgefallene Stunde an anderer Stelle nachzuholen. Vielleicht wird aus Kulanz eine Alternative angeboten. Vielleicht findet man eine individuelle Regelung, obwohl man dazu vertraglich gar nicht verpflichtet wäre.

Das ist schön.

Aber Kulanz ist kein Anspruch.

Eine freiwillig angebotene Lösung darf nicht automatisch dazu führen, dass daraus anschließend ein Recht abgeleitet wird.

Und genau solche Diskussionen können auf Dauer erstaunlich ermüdend sein.

Denn Regeln zu Absagen, Ersatzmöglichkeiten, Vertragslaufzeiten, Kündigungen oder Zahlungsfristen entstehen nicht spontan in dem Moment, in dem ein Konflikt auftritt.

Sie wurden vorher festgelegt.

Sie wurden kommuniziert.

Sie stehen in Verträgen oder AGB.

Und Kundinnen und Kunden bestätigen diese Bedingungen in der Regel, bevor sie eine Leistung in Anspruch nehmen.

Damit treffen zunächst einmal zwei erwachsene Menschen eine Vereinbarung.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass niemals eine Frage gestellt werden darf oder dass kein Raum für Kulanz bestehen kann.

Aber eine Vereinbarung verliert nicht automatisch ihre Gültigkeit, nur weil ihre Konsequenz im konkreten Moment für eine Seite unangenehm ist.

Und vielleicht ist genau das ein Punkt, der im Alltag häufig unterschätzt wird.

Für den Kunden ist es möglicherweise eine Nachfrage.

Für den Dienstleister kann es die vierte Diskussion dieser Woche über eine Regel sein, die eigentlich längst schriftlich geklärt ist.

Dann erklärt man noch einmal, was bereits vereinbart wurde.

Man erklärt, warum die Regel existiert.

Man weist erneut auf die AGB hin.

Man erläutert, welche Möglichkeiten freiwillig angeboten werden.

Man formuliert möglichst freundlich.

Man versucht gleichzeitig, Verständnis für die persönliche Situation zu zeigen.

Und wenn die Antwort nicht die gewünschte ist, beginnt die Diskussion mitunter von vorn.

Vielleicht mit einer anderen Begründung.

Vielleicht mit einer weiteren Nachricht.

Vielleicht mit dem Versuch, doch noch eine andere Ausnahme zu finden.

Und genau dort wird aus einer sachlichen Frage irgendwann mentale Belastung.

Nicht, weil man Menschen nichts erklären möchte.

Sondern weil ein ausgesprochenes Nein offenbar nicht beendet, sondern manchmal erst eröffnet, was anschließend eine längere Verhandlung wird.

Das kann das Gefühl erzeugen, sich dafür rechtfertigen zu müssen, im eigenen Unternehmen Regeln aufgestellt zu haben und diese anschließend auch anzuwenden.

Dabei geht es nicht darum, starr oder unbarmherzig zu sein.

Es geht um Verlässlichkeit.

AGB sind keine unverbindliche Empfehlung.

Vertragliche Vereinbarungen sollten nicht bei jeder unangenehmen Konsequenz grundsätzlich neu verhandelt werden müssen.

Und eine freiwillige Kulanzregelung sollte nicht dadurch zur neuen Erwartung werden, dass sie beim nächsten Mal erneut eingefordert wird.

Auch das gehört für mich zu gegenseitigem Respekt.

Denn Grenzen werden nicht erst dann überschritten, wenn jemand laut, beleidigend oder offensichtlich respektlos wird.

Grenzüberschreitungen können viel unscheinbarer sein.

Zum Beispiel dann, wenn ein klares Nein immer wieder hinterfragt wird.

Wenn ein vorgegebener Kommunikationsweg dauerhaft ignoriert wird.

Wenn eine bereits erklärte Regel so lange weiterdiskutiert wird, bis vielleicht doch noch eine Antwort entsteht, die besser zur eigenen Situation passt.

Oder wenn eine freiwillige Ausnahme anschließend als Maßstab dafür betrachtet wird, was künftig selbstverständlich möglich sein müsste.

Jede einzelne dieser Situationen mag für sich klein erscheinen.

Die Belastung entsteht aus ihrer Wiederholung.

 

Gerade beim Thema Geld wird Verantwortung schnell verschoben

Besonders deutlich wird das bei offenen Rechnungen.

Wenn Rechnungen nicht bezahlt werden, Mahnungen notwendig werden oder ein Abo nicht rechtzeitig gekündigt wurde, entsteht nicht selten eine Diskussion darüber, warum die vereinbarte Zahlung im konkreten Fall gerade schwierig, unpassend oder aus Sicht des Kunden eigentlich nicht zumutbar sei.

Manchmal stehen dahinter tatsächlich schwere Lebenssituationen: eine Trennung, Krankheit, finanzielle Veränderungen oder andere persönliche Krisen.

Manchmal sind es aber auch schlicht Versäumnisse, die im Nachhinein erklärt oder relativiert werden sollen.

Und natürlich kann ich für persönliche Schwierigkeiten Verständnis haben.

Was dabei jedoch häufig völlig aus dem Blick gerät, ist die andere Seite.

Auch ein Dienstleister hat laufende Verpflichtungen.

Mieten, Versicherungen, Gehälter, Steuern, Fahrzeuge, Räume, Software, Fortbildungen und viele andere Kosten laufen unabhängig davon weiter, ob ein Kunde seine Rechnung gerade pünktlich bezahlt.

Ich kann schließlich meinerseits auch nicht sagen:

„Meine Kunden haben diesen Monat leider verspätet bezahlt, deshalb überweise ich meine Rechnungen ebenfalls später.“

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, dass ein einzelner verspäteter Zahlungseingang ein Unternehmen finanziell ins Wanken bringt.

Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres:

Verlässlichkeit, Planbarkeit und gegenseitigen Respekt.

Wer eine Leistung in Anspruch nimmt oder einen Vertrag abschließt, übernimmt damit auch eine Verantwortung gegenüber dem Menschen oder Unternehmen, das diese Leistung erbringt.

Und offene Posten sind nicht einfach nur Zahlen in einer Buchhaltung.

Man muss sie im Blick behalten.

Man muss nachfragen.

Man muss erinnern.

Man muss möglicherweise mahnen.

Man muss sich mit Erklärungen, Diskussionen und Rechtfertigungen auseinandersetzen.

All das kostet Zeit und Energie.

Und auch hier ist es häufig nicht der einzelne Vorgang, der mental erschöpft.

Es ist die Summe.

Der nächste offene Betrag.

Die nächste Erinnerung.

Die nächste Diskussion darüber, weshalb eine eigentlich klare Vereinbarung ausgerechnet in diesem Fall anders bewertet werden sollte.

Gleichzeitig entsteht manchmal ausgerechnet auf Seiten des Dienstleisters das unangenehme Gefühl, man müsse sich dafür rechtfertigen, Geld einzufordern, das für eine bereits erbrachte oder verbindlich vereinbarte Leistung ohnehin geschuldet ist.

Auch das kann mental belasten.

Denn Verständnis für die Lebenssituation eines anderen Menschen darf nicht bedeuten, dass die Verantwortung für dessen Situation automatisch auf den Dienstleister übertragen wird.

Eine persönliche Krise verdient Mitgefühl.

Aber sie macht die Verpflichtungen und Bedürfnisse des Menschen auf der anderen Seite nicht unsichtbar.

Ein „Nein“ sollte nicht erst nach fünf Erklärungen gelten

Vielleicht ist das einer der Punkte, über die wir generell wieder mehr sprechen sollten.

Ein Nein ist nicht erst dann legitim, wenn die andere Seite die Begründung überzeugend findet.

Wenn ein Unternehmen einen bestimmten Kommunikationsweg vorgibt, dann hat das einen Grund.

Wenn es Geschäftszeiten gibt, dann haben diese einen Grund.

Wenn Absagefristen gelten, dann haben diese einen Grund.

Wenn Rechnungen geschrieben werden, müssen diese bezahlt werden.

Wenn Vertragsbedingungen vereinbart wurden, sollten sie nicht bei jedem Einzelfall neu ausgehandelt werden müssen.

Und wenn jemand sagt:

„Dafür bin ich nicht der richtige Ansprechpartner“,

dann sollte auch das akzeptiert werden.

Grenzen sind keine Unfreundlichkeit.

Grenzen sind Arbeitsschutz.

Gerade Menschen, die sehr empathisch arbeiten, brauchen sie möglicherweise sogar besonders dringend.

Und vielleicht müssen wir auf professioneller Seite gleichzeitig lernen, eine unangenehme Wahrheit auszuhalten:

Eine Grenze fühlt sich nicht immer freundlich an.

Manchmal fühlt es sich unangenehm an, eine Nachricht unbeantwortet zu lassen, obwohl eine automatische Antwort längst erklärt hat, wohin sie gehört.

Manchmal fühlt es sich hart an, auf einer Absagefrist zu bestehen.

Manchmal fühlt es sich unkollegial, unempathisch oder kleinlich an, nicht doch noch eine Ausnahme zu machen.

Aber das Gefühl, jemanden enttäuscht zu haben, bedeutet nicht automatisch, dass man etwas falsch gemacht hat.

Wenn wir aus Angst davor, als unfreundlich wahrgenommen zu werden, unsere eigenen Regeln immer wieder selbst außer Kraft setzen, entsteht ein paradoxes System:

Wir kommunizieren eine Grenze – und vermitteln gleichzeitig, dass sie nicht wirklich ernst genommen werden muss.

Das ist weder für Kunden noch für uns langfristig hilfreich.

Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz, der nicht erfolgreich bewältigt werden konnte. Erschöpfung, zunehmende innere Distanz zur Arbeit und ein Gefühl nachlassender beruflicher Wirksamkeit gehören zu den beschriebenen Dimensionen. Burnout wird dabei ausdrücklich auf den beruflichen Kontext bezogen.

Und chronischer Stress entsteht eben nicht ausschließlich dadurch, dass jemand „zu viele Stunden arbeitet“.

Er kann auch dadurch entstehen, dass man ständig verfügbar ist.

Dass man permanent zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen vermittelt.

Dass Konflikte nie wirklich Feierabend haben.

Dass man jeden Tag emotional regulieren muss, freundlich bleiben muss, erklären muss und gleichzeitig die eigenen Reaktionen zurückstellt.

Dass man nach außen Gelassenheit zeigt, obwohl man innerlich längst erschöpft ist.

Oder dass man sich immer wieder für Grenzen rechtfertigen muss, die längst kommuniziert worden sind.

 

Und dann ist da noch der Hund

Denn im Hundetraining kommt noch etwas Entscheidendes hinzu:

Während wir mit dem Menschen arbeiten, sehen wir gleichzeitig das Tier.

Wenn ich meinen Beruf ernst nehme, kann mir nicht völlig egal sein, was anschließend mit diesem Hund passiert.

Ich sehe vielleicht einen Hund, der massiv gestresst ist.

Ich sehe Angst.

Überforderung.

Schmerzen.

Aggressionsverhalten.

Missverständnisse zwischen Mensch und Hund.

Ich sehe möglicherweise Trainingsmethoden, von denen ich abrate.

Ich erkläre, warum etwas problematisch ist.

Ich zeige Alternativen.

Ich versuche anzuleiten, zu übersetzen und Zusammenhänge verständlich zu machen.

Und trotzdem kann ich am Ende des Tages nicht kontrollieren, was davon tatsächlich umgesetzt wird.

Das gehört zu den schwierigsten Seiten dieses Berufes.

Manchmal weiß man ziemlich genau, was einem Hund helfen würde – und erlebt gleichzeitig, dass Empfehlungen nicht umgesetzt werden.

Man sieht Menschen über Monate oder sogar Jahre im Training, während dieselben Probleme bestehen bleiben, weil Veränderungen außerhalb der Trainingsstunde nicht stattfinden.

Oder man erlebt, dass die schnelle Lösung wichtiger erscheint als die nachhaltige.

Natürlich muss man akzeptieren, dass erwachsene Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Aber emotional spurlos geht das nicht immer an einem vorbei.

Dafür gibt es sogar einen Begriff, der in tiermedizinischen Berufen zunehmend untersucht wird: moral distress, also moralische Belastung.

Gemeint sind Situationen, in denen Fachpersonen wissen oder sehr deutlich empfinden, was aus ihrer Sicht für ein Tier richtig wäre, es aufgrund äußerer Umstände aber nicht entsprechend umsetzen können.

Untersuchungen unter Tierärztinnen und Tierärzten zeigen Zusammenhänge zwischen solchen moralischen Konflikten, emotionaler Erschöpfung und Burnout.

Auch sogenannte Compassion Fatigue, also eine Form emotionaler Erschöpfung im Zusammenhang mit dauerhaftem Mitgefühl und der wiederholten Konfrontation mit belastenden Situationen, wird bei Menschen in tierbezogenen Berufen untersucht.

Dabei ist wichtig:

Compassion Fatigue und Burnout sind nicht dasselbe, können sich aber überschneiden und gegenseitig verstärken.

 

Tierärztinnen und Tierärzte erleben das in einer noch einmal anderen Dimension

Besonders deutlich wird die psychische Belastung im Bereich der Tiermedizin.

Tierärztinnen und Tierärzte müssen täglich Entscheidungen begleiten, bei denen Krankheit, Schmerzen, finanzielle Möglichkeiten der Halter, medizinisch Machbares und das Wohl des Tieres miteinander kollidieren können.

Sie müssen schlechte Diagnosen überbringen.

Sie begleiten verzweifelte Menschen.

Sie werden mit Vorwürfen konfrontiert.

Sie müssen über Geld sprechen, während ein geliebtes Tier krank ist.

Und sie begleiten und vollziehen Euthanasien.

Sie bewegen sich damit regelmäßig zwischen medizinischer Verantwortung, Tierwohl und den Wünschen oder Möglichkeiten der Tierhalter.

Die Forschung zeigt tatsächlich, dass Tierärztinnen und Tierärzte eine besonders belastete Berufsgruppe sind. Studien aus verschiedenen Ländern und Zeiträumen haben ein im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung erhöhtes Suizidrisiko beschrieben.

Die Ursachen sind komplex und lassen sich nicht auf einen einzigen Faktor reduzieren. Diskutiert werden unter anderem psychische Belastungen, beruflicher Stress, moralische Konflikte und auch der Zugang zu Medikamenten, die für Euthanasien verwendet werden.

Das sollte uns zu denken geben.

Nicht nur über Tierärzte.

Sondern darüber, was wir Menschen zumuten, von denen wir gleichzeitig erwarten, dass sie unsere Tiere mit maximaler Empathie versorgen.

 

Die Arbeit mit Tieren ist emotionale Arbeit

Dasselbe Prinzip findet sich – in unterschiedlicher Intensität – auch in Hundeschulen, Tierheimen, Tierphysiotherapien, Tierschutzorganisationen, Hundepensionen und vielen anderen Bereichen.

Wir verkaufen nicht einfach einen Gegenstand und schließen abends die Ladentür.

Wir arbeiten mit Beziehungen.

Mit Lebewesen.

Mit Sorgen.

Mit Erwartungen.

Und häufig mit Menschen, die selbst emotional hoch involviert sind.

Eine aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Kommunikation zwischen Tierärzten und Tierhaltern beschreibt genau solche Faktoren: wiederkehrende Konflikte mit Tierhaltern, emotional belastende Gespräche, finanzielle Auseinandersetzungen und verschwimmende Grenzen der Erreichbarkeit können zur Burnoutbelastung beitragen.

Dieser Punkt lässt sich nicht eins zu eins auf Hundetrainer übertragen – dazu ist die Studienlage speziell für unseren Beruf zu dünn.

Aber vieles davon dürfte Menschen bekannt vorkommen, die täglich professionell mit Tierhaltern arbeiten.

„Dann musst du dich halt besser abgrenzen“ ist zu einfach

Natürlich tragen wir als Selbstständige und Fachpersonen Verantwortung für unsere eigenen Strukturen.

Wir müssen lernen, Grenzen zu setzen.

Wir müssen entscheiden, wann wir erreichbar sind.

Wir müssen Aufgaben delegieren.

Wir müssen Kommunikationswege festlegen.

Wir müssen Regeln transparent formulieren.

Wir müssen auch einmal Nein sagen.

Und vielleicht müssen wir vor allem lernen, die Grenzen, die wir selbst geschaffen haben, auch dann einzuhalten, wenn sich das zunächst unangenehm anfühlt.

Denn gerade empathische Menschen neigen manchmal dazu, sich selbst zurückzunehmen.

Sie möchten helfen.

Sie möchten Verständnis zeigen.

Sie möchten Konflikte vermeiden.

Sie möchten niemanden enttäuschen.

Also antwortet man eben doch.

Man erklärt noch einmal.

Man macht noch eine Ausnahme.

Man schreibt nach Feierabend zurück.

Man übernimmt noch ein Stück Verantwortung, das eigentlich gar nicht bei einem selbst liegt.

Nach außen wirkt man freundlich, ruhig und belastbar.

Innerlich kostet jeder dieser Momente ein kleines Stück Energie.

Das ist etwas, das ich heute auch bei mir selbst viel kritischer sehe.

Denn Selbstfürsorge besteht nicht nur darin, eine Grenze auszusprechen.

Sie besteht manchmal auch darin, das unangenehme Gefühl auszuhalten, das entsteht, wenn man sie anschließend tatsächlich einhält.

Und ich persönlich musste lernen, dass man die eigenen Warnsignale nicht dauerhaft ignorieren kann, nur weil immer noch jemand etwas von einem möchte.

Aber Abgrenzung funktioniert trotzdem nicht allein.

Sie funktioniert nur, wenn eine gesetzte Grenze auf der anderen Seite auch akzeptiert wird.

Es kann nicht die Lösung sein, dass Menschen immer bessere Mauern errichten müssen, während andere permanent versuchen, darüberzuklettern.

Und es kann auch nicht sein, dass ein Dienstleister jedes Mal erneut begründen muss, warum eine Regel gilt, nur weil sie im individuellen Fall gerade unbequem ist.

Ein respektvolles Miteinander bedeutet deshalb Verantwortung auf beiden Seiten.

Die professionelle Seite muss Grenzen klar kommunizieren und lernen, sie selbst ernst zu nehmen.

Die Kundenseite darf diese Grenze wiederum respektieren, ohne dass ihr erst eine private oder dramatische Begründung geliefert werden muss.

Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz ist deshalb nicht ausschließlich eine Frage persönlicher Belastbarkeit.

Auch Arbeitsbedingungen, Kommunikation und der respektvolle Umgang mit Grenzen spielen eine Rolle.

Die WHO nennt unter anderem hohe Arbeitsbelastung, lange Arbeitszeiten, mangelnde Unterstützung und moralische Belastungen als psychosoziale Risiken im Arbeitsleben.

 

Vielleicht dürfen wir Dienstleister wieder ein bisschen mehr als Menschen sehen

Das ist eigentlich mein größter Wunsch mit diesem Beitrag.

Nicht, dass Menschen uns nichts mehr erzählen.

Nicht, dass niemand mehr nachfragen darf.

Nicht, dass wir kein Verständnis mehr füreinander haben sollen.

Ganz im Gegenteil.

Ich wünsche mir mehr Verständnis.

Aber in beide Richtungen.

Der Mensch, der vor euch steht und eurem Hund helfen soll, hat ebenfalls ein Leben.

Vielleicht pflegt er gerade Angehörige.

Vielleicht hat er finanzielle Sorgen.

Vielleicht ist jemand in seiner Familie krank.

Vielleicht schläft er seit Wochen schlecht.

Vielleicht kämpft er selbst gerade mit einer Krise.

Vielleicht hat er gerade einen geliebten Menschen oder ein Tier verloren.

Vielleicht ist auch einfach nur Sonntag.

Ihr wisst es nicht.

Und genauso wenig, wie ein Kunde verpflichtet ist, einem Hundetrainer seine komplette Lebensgeschichte zu erzählen, sollte auch ein Hundetrainer seine private Situation nicht offenlegen müssen, damit seine Grenze akzeptiert wird.

„Ich bin außerhalb meiner Geschäftszeiten nicht erreichbar“ reicht.

„Bitte nutze für organisatorische Anliegen diesen Kommunikationsweg“ reicht.

Und wenn dieser Hinweis bereits automatisch auf eine Nachricht folgt, sollte eigentlich auch dieser Hinweis reichen.

Nicht erst die persönliche Antwort danach.

„Diese Rechnung ist entsprechend unserer Vereinbarung fällig“ reicht.

„Für diese ausgefallene Stunde besteht entsprechend unserer Vereinbarung kein Anspruch auf Ersatz“ reicht.

„Das ist eine Kulanzlösung und kein Anspruch“ reicht.

„Das kann ich nicht leisten“ reicht.

Man muss nicht erst nachweisen, erschöpft genug zu sein, damit ein Nein akzeptabel wird.

Und man sollte auch nicht gezwungen sein, die eigene Grenze so lange zu erklären, bis die andere Person sie für ausreichend begründet hält.

 

Ich habe das auf die harte Tour lernen müssen

Ich schreibe diesen Text nicht aus irgendeinem Lehrbuch heraus.

Ich habe selbst erfahren dürfen, was passiert, wenn Belastung über einen langen Zeitraum zu groß wird.

Und rückblickend glaube ich, dass dabei selten ein einzelnes großes Ereignis entscheidend ist.

Es sind oft die vielen kleinen Dinge.

Die Nachricht noch schnell am Abend.

Und die eigene Entscheidung, doch wieder darauf zu antworten, obwohl man genau das eigentlich nicht mehr wollte.

Der Konflikt, den man gedanklich mit nach Hause nimmt.

Die unbezahlte Rechnung, der man hinterherlaufen muss.

Die nächste Diskussion über eine eigentlich klare Regel.

Das erneute Erklären von AGB, die längst bestätigt wurden.

Die Diskussion darüber, warum eine freiwillige Kulanzlösung nicht noch weiter ausgeweitet wird.

Die Erwartung, dass eine selbst verursachte Absage selbstverständlich auf Kosten des Dienstleisters nachgeholt werden müsse.

Das erneute Hinterfragen eines Neins, nachdem man die Entscheidung eigentlich bereits erklärt hat.

Das schlechte Gewissen, weil man nicht sofort antwortet.

Oder das schlechte Gewissen, weil man dieses Mal tatsächlich nicht antwortet.

Der Hund, um den man sich Sorgen macht.

Der Kunde, dem man helfen möchte, obwohl er die Empfehlungen nicht umsetzt.

Die Geschichte eines Menschen, die man abends noch im Kopf hat.

Die Verantwortung für Mitarbeiter, Kunden, Tiere und das eigene Unternehmen.

Und vielleicht auch die ständige innere Aufgabe, nach außen freundlich, geduldig und verständnisvoll zu bleiben, während man selbst längst merkt, dass die eigene Belastungsgrenze erreicht ist.

Jeder einzelne Punkt für sich mag klein erscheinen.

Und wahrscheinlich würde niemand nach einer einzigen dieser Situationen sagen:

„Davon bekommt man einen Burnout.“

Genau darum geht es aber.

Chronische Belastung besteht häufig nicht aus einem Ereignis.

Sie besteht aus Wiederholung.

Aus hundert kleinen Situationen, in denen man sich zusammenreißt.

Aus hundert kleinen Diskussionen, die man eigentlich nicht mehr führen möchte.

Aus hundert Situationen, in denen ein Nein nicht einfach stehen bleiben darf.

Aus hundert Momenten, in denen man die eigene Grenze selbst noch einmal verschiebt, weil man verständnisvoll sein möchte.

Bis aus kleinen Belastungen irgendwann ein Grundrauschen wird.

Man ist ständig ein bisschen angespannt.

Ständig ein bisschen erreichbar.

Ständig ein bisschen verantwortlich.

Ständig damit beschäftigt, Bedürfnisse, Erwartungen und Konflikte anderer Menschen zu regulieren.

Und irgendwann stellt man fest, dass der Akku nicht einfach nur leer ist.

Er lädt nicht mehr richtig auf.

Deshalb sehe ich heute viele Dinge anders als früher.

Und vielleicht sage ich heute auch häufiger Nein.

Vielleicht beantworte ich tatsächlich nicht mehr jede Nachricht.

Vielleicht erkläre ich eine Regel nicht zum sechsten Mal neu.

Vielleicht halte ich eine Grenze aus, obwohl ich weiß, dass die Person auf der anderen Seite sie gerade nicht besonders angenehm findet.

Nicht, weil mir Menschen oder ihre Hunde weniger wichtig geworden sind.

Sondern gerade weil sie mir wichtig sind.

Denn wer dauerhaft für andere da sein möchte, muss irgendwo einen Bereich haben, in dem er nicht für andere zuständig ist.

 

Ein bisschen mehr gegenseitige Verantwortung

Vielleicht können wir deshalb alle etwas verändern.

Wir auf der professionellen Seite müssen lernen, unsere Grenzen früher wahrzunehmen und klarer auszusprechen.

Wir müssen Regeln verständlich kommunizieren und dürfen uns auch trauen, sie anschließend konsequent einzuhalten.

Und wir dürfen aufhören, jede eigene Grenze sofort wieder aufzuweichen, nur damit sich niemand für einen Moment unwohl fühlt.

Kundinnen und Kunden können im Gegenzug dazu beitragen, indem sie diese Grenzen respektieren – auch wenn sie im eigenen konkreten Fall gerade unbequem sind.

Dabei geht es nicht darum, dass niemand mehr nachfragen darf.

Es geht um etwas anderes:

Darum, eine Antwort irgendwann auch als Antwort stehen lassen zu können.

Nicht jede Nachricht braucht am selben Tag eine Antwort.

Nicht jeder Kommunikationsweg ist beliebig austauschbar.

Nicht jede persönliche Ausnahmesituation kann zur geschäftlichen Ausnahme werden.

Nicht jede versäumte Stunde muss auf Kosten des Dienstleisters ersetzt werden.

Nicht jede freiwillige Kulanzleistung ist ein Anspruch.

Nicht jede vertragliche Regel braucht eine neue Grundsatzdiskussion.

Nicht jedes Nein braucht fünf weitere Erklärungen.

Und nicht jede Grenze muss erst mehrfach überschritten werden, bevor sie als Grenze anerkannt wird.

Zwei erwachsene Menschen dürfen eine Vereinbarung treffen und anschließend auch darauf vertrauen, dass diese Vereinbarung grundsätzlich gilt.

Und nicht jeder Mensch, der beruflich viel Empathie zeigt, besitzt deshalb unbegrenzte emotionale Kapazitäten.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse:

Menschen, die sich professionell um Tiere kümmern, sind nicht weniger verletzlich, nur weil sie gelernt haben, für andere stark zu sein.

Und vielleicht gehört zur mentalen Gesundheit deshalb nicht nur, dass wir lernen, Grenzen zu setzen.

Vielleicht gehört auch dazu, dass wir als Gesellschaft wieder lernen, ein Nein auszuhalten, ohne es automatisch als Einladung zur nächsten Verhandlungsrunde zu verstehen.

Ein respektvoller Umgang mit der Zeit, den Grenzen, den Vereinbarungen und der Arbeit anderer schützt deshalb am Ende nicht nur den Menschen hinter dem Beruf.

Er hilft auch dabei, dass gute Fachleute ihren Beruf langfristig mit der Aufmerksamkeit, Geduld und Empathie ausüben können, die wir uns für unsere Tiere wünschen.

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
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