Du liebst deinen Hund? Dann reicht es nicht, ihn nur liebzuhaben.
Manchmal frage ich mich, ob wir in der Hundehaltung nicht viel zu häufig darüber sprechen, wie sehr wir unsere Hunde lieben – und viel zu selten darüber, was diese Liebe eigentlich für den Hund bedeutet.
Da werden Geburtstage gefeiert, Geschenke gekauft, Fotos geteilt und Hunde als vollwertige Familienmitglieder bezeichnet.
„Mein Hund ist mein Ein und Alles.“
„Für meinen Hund würde ich alles tun.“
Wirklich alles?
Auch dann, wenn es bedeutet, die eigene Bequemlichkeit aufzugeben? Gewohnheiten zu verändern? Sich mit Themen auseinanderzusetzen, die vielleicht anstrengend sind oder schlicht weniger Spaß machen als Kuscheln auf dem Sofa?
Denn genau an diesem Punkt wird es interessant.
Wenn Liebe vor allem dem Menschen guttut
Es fühlt sich gut an, von einem Hund geliebt zu werden.
Er freut sich, wenn wir nach Hause kommen. Er sucht unsere Nähe, begleitet uns durch den Alltag und schenkt uns das Gefühl, gebraucht zu werden.
Wir bekommen unglaublich viel von unseren Hunden.
Aber was bekommen sie eigentlich von uns zurück?
Natürlich Zuneigung, Futter, ein Zuhause und hoffentlich Sicherheit.
Doch was ist mit den Dingen, die nicht unmittelbar unserem eigenen Bedürfnis nach Nähe und Harmonie dienen?
Was ist mit Erziehung, die Zeit und Konsequenz erfordert?
Mit sinnvoller Beschäftigung, die wir erst organisieren müssen?
Mit Bedürfnissen, die möglicherweise nicht zu unserem Lebensstil passen?
Es ist leicht, einen Hund zu lieben, solange diese Liebe vor allem angenehme Gefühle produziert. Schwieriger wird es, wenn aus Liebe eine Verpflichtung entsteht.
Und genau dort beginnt für mich verantwortungsvolle Hundehaltung.
Dein Hund muss den Preis für deine Bequemlichkeit bezahlen
Ein Hund kann nicht selbst entscheiden, ob er eine Hundeschule besucht.
Er kann sich keine geeignete Beschäftigung organisieren, wenn sein Alltag eintönig ist.
Er kann sich nicht selbst die Fähigkeiten beibringen, die er benötigt, um mit unserer Welt zurechtzukommen.
Er ist darauf angewiesen, dass sein Mensch diese Verantwortung übernimmt.
Und was passiert, wenn dieser Mensch dazu keine Lust hat? Oder wenn er den Sinn hinter bestimmten Trainingsmaßnahmen nicht versteht, sie deshalb nicht ernst nimmt und schlichtweg nicht umsetzt?
Dann hat in erster Linie der Hund das Nachsehen.
Denn nur weil ein Mensch die Notwendigkeit einer Maßnahme nicht erkennt oder deren Bedeutung unterschätzt, wird sie für den Hund nicht weniger wichtig.
Natürlich muss niemand jede Trainingsempfehlung unkritisch übernehmen. Fragen zu stellen, Zusammenhänge verstehen zu wollen und Maßnahmen zu hinterfragen, ist ausdrücklich erwünscht.
Aber etwas nicht zu verstehen und sich deshalb damit auseinanderzusetzen, ist etwas völlig anderes, als es einfach nicht ernst zu nehmen und zu ignorieren.
Wer sich Unterstützung holt, muss auch bereit sein, sich mit den Erklärungen und Empfehlungen auseinanderzusetzen und notwendige Veränderungen im Alltag tatsächlich umzusetzen.
Denn am Ende trägt nicht der Trainer die Verantwortung für den Alltag des Hundes, sondern sein Mensch.
Und genau deshalb finde ich es unfair, von einem Hund zu erwarten, dass er sich unserem Leben anpasst, während wir selbst möglichst wenig Bereitschaft zeigen, unser Leben auch an ihn anzupassen.
Wir möchten einen angenehmen Begleiter. Einen Hund, der uns Freude macht und möglichst wenig Umstände bereitet.
Aber bitte ohne allzu großen Aufwand.
Und genau diese Erwartung halte ich für ausgesprochen egoistisch.
Denn ein Hund ist kein Hobby, das man nur dann ausübt, wenn man gerade Lust darauf hat.
Er ist ein Lebewesen mit Bedürfnissen, die nicht verschwinden, nur weil sie gerade nicht in unseren Tagesablauf passen.
Verwöhnen ist nicht dasselbe wie Fürsorge
Manche Hunde dürfen nahezu alles.
Sie werden mit Aufmerksamkeit überschüttet, bekommen ständig kleine Extras und sollen möglichst niemals etwas erleben, das sie frustrieren könnte.
Das wird dann gerne als besonders liebevoller Umgang verstanden.
Doch es lohnt sich, genauer hinzusehen.
Machen wir bestimmte Dinge tatsächlich für unseren Hund?
Oder machen wir sie, weil sie sich für uns gut anfühlen?
Weil wir das Nein unangenehm finden?
Weil wir uns lieber als großzügigen, verständnisvollen Menschen sehen möchten?
Weil konsequentes Handeln manchmal einfach anstrengender ist als Nachgeben?
Ein Hund benötigt nicht die permanente Erfüllung seiner Wünsche.
Er benötigt einen Menschen, der seine Bedürfnisse von seinen momentanen Wünschen unterscheiden kann.
Der erkennt, wann Unterstützung notwendig ist, wann etwas gelernt werden muss und wann eine Grenze sinnvoll ist.
Nicht jede Entscheidung, die sich für uns liebevoll anfühlt, ist automatisch auch gut für unseren Hund.
Das ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse überhaupt.
Erziehung ist kein optionales Extra
Bei der Anschaffung eines Hundes wird häufig über vieles nachgedacht.
Welche Rasse passt zu mir? Wie groß wird der Hund? Was kostet er? Darf er mit in den Urlaub?
Was erstaunlich häufig zu kurz kommt, ist die Frage, ob man tatsächlich bereit ist, einen Hund über Jahre hinweg zu erziehen und zu begleiten.
Nicht nur in den ersten Wochen, wenn alles neu und aufregend ist.
Sondern auch dann, wenn die anfängliche Begeisterung dem ganz normalen Alltag gewichen ist.
Erziehung ist keine Zusatzleistung für besonders ambitionierte Hundehalter.
Sie ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Verantwortung.
Denn wir sind es, die unsere Hunde in eine vom Menschen gestaltete Welt holen und bestimmte Erwartungen an ihr Verhalten stellen.
Dann müssen wir ihnen auch faire Möglichkeiten bieten, diese Erwartungen zu verstehen und die notwendigen Fähigkeiten zu entwickeln.
Dabei geht es nicht um blinden Gehorsam oder einen Hund, der ausschließlich funktioniert.
Es geht darum, dass wir unseren Teil der gemeinsamen Vereinbarung erfüllen.
Wer bestimmte Verhaltensweisen von seinem Hund erwartet, muss auch bereit sein, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Alles andere ist schlicht unfair.
„Hauptsache, er ist glücklich.“ Aber woher weißt du das eigentlich?
Diesen Satz höre ich häufig.
Und grundsätzlich ist daran überhaupt nichts auszusetzen.
Natürlich soll ein Hund glücklich sein.
Nur stellt sich die Frage, woran wir das festmachen.
Daran, dass er gerne kuschelt?
Dass er sich über sein Futter freut?
Dass er uns überallhin begleitet?
Dass er auf dem Sofa zufrieden aussieht?
Das alles können schöne Bestandteile eines Hundelebens sein.
Aber sie allein sagen wenig darüber aus, ob seine individuellen Bedürfnisse ausreichend berücksichtigt werden.
Ein Hund kann sehr anhänglich sein und dennoch unter einem reizarmen Alltag leiden.
Er kann uns begeistert begrüßen und gleichzeitig kaum geeignete Möglichkeiten haben, seine natürlichen Verhaltensweisen auszuleben.
Er kann geliebt werden und trotzdem viel zu wenig Ruhe, zu viele Reize oder keine passende Beschäftigung erhalten.
Wir sollten deshalb aufhören, das Wohlbefinden unserer Hunde ausschließlich aus unserem eigenen Gefühl heraus zu beurteilen.
Nur weil wir glücklich mit unserem Hund sind, bedeutet das nicht automatisch, dass unser Hund mit seinem Leben gleichermaßen zufrieden ist.
Das ist kein schöner Gedanke.
Aber einer, den verantwortungsvolle Hundehalter aushalten sollten.
Nicht können ist etwas anderes als nicht wollen
Mir ist eine Unterscheidung besonders wichtig.
Nicht jeder Mensch verfügt über unbegrenzte Zeit, finanzielle Mittel oder körperliche Möglichkeiten.
Lebensumstände können sich verändern. Krankheiten, familiäre Belastungen und berufliche Herausforderungen können das Zusammenleben erschweren.
Und nicht jeder Hund ist einfach.
Es gibt Menschen, die sich wirklich bemühen, Hilfe suchen, Alternativen entwickeln und trotzdem an ihre Grenzen kommen.
Darum geht es mir nicht.
Mir geht es um diejenigen, die durchaus Möglichkeiten hätten, aber nicht bereit sind, sie zu nutzen.
Die sich über das Verhalten ihres Hundes beschweren, aber nichts verändern möchten.
Die wissen, dass ihr Hund mehr oder eine andere Beschäftigung benötigt, sich aber nicht damit befassen wollen.
Die Erziehung für unnötig erklären, solange sie selbst irgendwie mit dem Verhalten zurechtkommen.
Oder die Probleme lieber schönreden, weil ernsthafte Veränderungen unbequem wären.
Nicht jeder kann alles leisten. Aber wer grundsätzlich nichts verändern will, sollte sich zumindest ehrlich fragen, ob er den Bedürfnissen seines Hundes gerecht wird.
Denn zwischen Überforderung und Gleichgültigkeit besteht ein erheblicher Unterschied.
Vielleicht sollten wir Liebe einmal anders definieren
Nicht danach, wie viel Geld wir für unseren Hund ausgeben.
Nicht danach, wie viele Fotos wir von ihm machen.
Nicht danach, ob er mit aufs Sofa darf oder wie häufig wir ihm sagen, dass wir ihn lieben.
Sondern danach, wie ernst wir ihn als eigenständiges Lebewesen nehmen.
Ob wir bereit sind, uns Wissen anzueignen.
Ob wir ihm eine faire Erziehung ermöglichen.
Ob wir seine Bedürfnisse auch dann berücksichtigen, wenn sie nicht unseren eigenen Vorstellungen entsprechen.
Und ob wir bereit sind, selbst etwas zu verändern, anstatt die Verantwortung bequem auf unseren Hund abzuwälzen.
Denn letztendlich hat er uns gegenüber nur sehr begrenzte Wahlmöglichkeiten.
Wir dagegen haben uns bewusst für ihn entschieden.
Und genau deshalb ist es unsere Aufgabe, ihm nicht nur einen Platz in unserem Herzen zu geben, sondern auch ein Leben, das seinen Bedürfnissen gerecht wird.
Ich glaube den meisten Menschen sofort, wenn sie sagen, dass sie ihren Hund lieben.
Aber ich glaube nicht, dass diese Liebe automatisch bedeutet, dass sie ihm gerecht werden.
Liebe ist ein Gefühl. Verantwortungsvolle Hundehaltung ist eine Entscheidung, die wir jeden Tag aufs Neue treffen müssen.
Auch dann, wenn sie uns Zeit kostet.
Auch dann, wenn sie unbequem ist.
Und auch dann, wenn wir dafür unsere eigenen Wünsche und Gewohnheiten hinterfragen müssen.
Wer seinen Hund liebt, sollte nicht nur daran interessiert sein, was dieser Hund ihm gibt. Sondern vor allem auch daran, was er selbst bereit ist, für diesen Hund zu leisten.
Denn einen Hund zu lieben und ihm gerecht zu werden, sind zwei unterschiedliche Dinge.
Und manchmal liegt genau dazwischen das größte Problem unserer heutigen Hundehaltung.
