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Brustgeschirr ist nicht gleich Brustgeschirr

Brustgeschirr ist nicht gleich Brustgeschirr – und nicht für jeden Hund automatisch die beste Wahl

Ein Brustgeschirr gilt für viele Hundehalter heute fast selbstverständlich als die „gesündere“ Alternative zum Halsband. Ganz so pauschal lässt sich das allerdings nicht sagen.

Entscheidend ist nicht nur, ob ein Hund ein Geschirr trägt, sondern welches, wie es sitzt, wofür es verwendet wird und welche körperlichen Voraussetzungen der Hund mitbringt.

Denn ein schlecht sitzendes Geschirr kann Bewegungsabläufe ebenso beeinflussen wie ein Halsband, an dem ein Hund dauerhaft zieht.

Besonders deutlich wird das beim Vergleich zwischen einem gut angepassten Y-Geschirr und einem sogenannten Norwegergeschirr.

 

Warum der Verlauf über die Schulter so wichtig ist

Beim Norwegergeschirr verläuft ein Gurt relativ gerade quer über die Vorderseite des Brustkorbs und damit im Bereich der Schultergelenke. Genau hier liegt aus biomechanischer Sicht das Problem.

Die Vordergliedmaße des Hundes ist nicht wie unser Arm über ein knöchernes Gelenk mit dem Rumpf verbunden. Das Schulterblatt liegt seitlich am Brustkorb und ist über Muskeln und Bindegewebe mit diesem verbunden. Für einen möglichst physiologischen Bewegungsablauf muss sich das Schulterblatt entsprechend bewegen können.

Liegt ein Gurt ungünstig über diesem Bereich, kann er insbesondere unter Zug die freie Bewegung beeinflusse, aber auch bei therapeutischen Maßnahmen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Hund in einem Norwegergeschirr sofort orthopädische Probleme entwickelt. Eine solche Aussage wäre fachlich zu pauschal. Es gibt jedoch gute Gründe, Geschirre zu bevorzugen, deren Gurtführung die Schulter möglichst wenig beeinträchtigt.

Genau hier hat ein passend ausgewähltes Y-Geschirr einen entscheidenden Vorteil.

 

Warum ein Y-Geschirr häufig die bessere Wahl ist

Von vorne betrachtet bilden die Gurte ein „Y“. Der Bruststeg verläuft über das Brustbein, während die seitlichen Gurte idealerweise so geführt werden, dass der Schulterbereich frei bleibt.

Aber auch hier gilt:

Ein Y-Geschirr ist nicht allein deshalb gut, weil es Y-förmig aussieht.

Es muss zum individuellen Hund passen.

Der Bruststeg darf nicht so kurz sein, dass das Geschirr in die Achseln gezogen wird. Der Bauchgurt sollte ausreichend hinter den Vordergliedmaßen liegen. Gleichzeitig darf er nicht so weit hinten sitzen, dass er auf den empfindlicheren Bereich des hinteren Brustkorbs beziehungsweise der Rippen einwirkt.

Auch am Halsansatz darf das Geschirr nicht auf die Luftröhre drücken.

Und natürlich darf es weder scheuern noch die Bewegung sichtbar verändern.

 

Ein wichtiger Punkt wird häufig vergessen: Wo entsteht eigentlich der Zug?

Bei der Beurteilung eines Geschirrs schaue ich deshalb nicht nur auf seine Form.

Mindestens genauso interessant ist:

Wo befindet sich der Befestigungspunkt der Leine – und wohin wird die entstehende Kraft übertragen?

Der Karabiner beziehungsweise der Ring auf dem Rücken bestimmt mit, wo und wie Zugkräfte in das Geschirr und damit auf den Körper des Hundes eingeleitet werden.

Sitzt dieser Punkt sehr weit vorne beziehungsweise hoch zwischen den Schulterblättern, kann die Belastung anders auf den vorderen Bewegungsapparat wirken als bei einem weiter hinten liegenden Befestigungspunkt.

Liegt der Zugpunkt wiederum sehr weit hinten, verändert sich der Hebel erneut und damit auch die Krafteinwirkung auf den Rumpf.

Das bekommt insbesondere dann Bedeutung, wenn bereits orthopädische oder neurologische Probleme bestehen.

Bei einem Hund mit Schulterproblemen können beispielsweise ganz andere Überlegungen notwendig sein als bei einem Hund mit Beschwerden im Bereich der Wirbelsäule oder des hinteren Brustkorbs.

Deshalb gibt es für mich auch hier keine allgemeingültige Aussage wie:

„Dieses Geschirr ist für jeden Hund gesund.“

Das gibt es schlicht nicht.

 

Gerade bei Erkrankungen des Bewegungsapparates bedeutet Geschirr nicht automatisch gleich „schonend“

Das ist ein Punkt, der mir besonders wichtig ist.

Hat ein Hund bereits Probleme mit seinem Bewegungsapparat, wird häufig reflexartig zum Brustgeschirr geraten.

Das kann richtig sein.

Muss es aber nicht.

Denn auch ein Geschirr übt Kräfte auf den Körper aus. Je nach Schnitt, Sitz, Leinenbefestigung und Zugverhalten können dabei Bereiche belastet werden, die bei einem orthopädisch vorbelasteten Hund gerade möglichst wenig beeinflusst werden sollten.

In solchen Fällen kann bei einem Hund mit wirklich gut aufgebauter Leinenführigkeit ein passend sitzendes Halsband durchaus die sinnvollere Lösung sein.

Der entscheidende Unterschied ist allerdings die Leinenführigkeit.

Ein Hund, der permanent in ein Halsband hineinzieht, hineinrennt oder regelmäßig abrupt über die Leine gestoppt wird, erzeugt erhebliche Kräfte im Bereich von Hals und Nacken. Dafür würde ich ein Halsband keinesfalls empfehlen.

Läuft ein Hund dagegen zuverlässig an lockerer Leine, sieht die mechanische Situation völlig anders aus.

Deshalb sollte die Frage nicht lauten:

„Halsband oder Geschirr – was ist grundsätzlich gesünder?“

Sondern:

„Welche Lösung ist für diesen Hund, mit seinem Körper, seinem Verhalten und für diesen Einsatzzweck am sinnvollsten?“

Gerade bei bestehenden Erkrankungen des Bewegungsapparates sollte diese Entscheidung im Zweifel gemeinsam mit einer entsprechend qualifizierten Tierärztin bzw. einem Tierarzt oder einer Fachperson für Hundephysiotherapie getroffen werden.

 

Und dann gibt es Situationen, in denen für mich das Geschirr eindeutig dazugehört

Sobald mit einer längeren Leine gearbeitet wird und damit die Möglichkeit besteht, dass der Hund Geschwindigkeit aufnimmt, gehört die Leine für mich nicht ans Halsband.

Das betrifft beispielsweise die Arbeit mit der Schleppleine, Fährtenarbeit, Mantrailing oder vergleichbare Beschäftigungsformen.

Hier kann der Hund unter Umständen mehrere Meter zurücklegen, bevor die Leine auf Spannung kommt.

Würde diese Kraft über ein Halsband abgefangen, konzentriert sie sich auf einen vergleichsweise kleinen und anatomisch empfindlichen Bereich des Halses.

Deshalb gilt:

Schleppleine gehört ans gut sitzende Brustgeschirr – nicht ans Halsband.

Noch besser ist natürlich auch hier ein Handling, bei dem der Hund möglichst gar nicht erst ungebremst ins Ende einer langen Leine läuft.

 

Auch das beste Geschirr ersetzt keine Leinenführigkeit

Das ist für mich vielleicht einer der wichtigsten Punkte überhaupt.

Manchmal entsteht der Eindruck, mit einem guten Geschirr sei permanenter Zug kein Problem mehr.

Doch auch ein anatomisch sinnvoll geschnittenes Geschirr macht aus dauerhaftem Ziehen keine physiologisch optimale Bewegung.

Ein Hund, der sich bei jedem Spaziergang mit seinem gesamten Körpergewicht ins Geschirr legt, bewegt sich anders als ein Hund an lockerer Leine. Kräfte werden anders übertragen, Muskulatur arbeitet anders und Bewegungsmuster können sich entsprechend verändern.

Deshalb bleibt eine vernünftig aufgebaute Leinenführigkeit auch bei einem Hund, der überwiegend Geschirr trägt, sinnvoll.

 

Mein Fazit:

Ich würde bei Geschirren grundsätzlich einen anatomisch sinnvollen Y-Schnitt einem quer über die Schulter verlaufenden Norwegergeschirr vorziehen.

Aber auch ein Y-Geschirr ist nur dann eine gute Wahl, wenn es dem individuellen Hund tatsächlich passt.

Wir sollten deshalb nicht nur fragen:

Ist das ein Y-Geschirr?

Sondern genauer hinschauen:

Sitzt der Bruststeg auf dem Brustbein? Bleiben die Schulterblätter möglichst frei? Liegt der Bauchgurt mit ausreichendem Abstand hinter den Vordergliedmaßen? Drückt oder scheuert irgendwo etwas? Wo befindet sich der Zugpunkt? Verändert der Hund mit Geschirr seinen Bewegungsablauf? Und vor allem: Wofür möchte ich dieses Geschirr eigentlich benutzen?

Bei einem gesunden Hund im Alltag kann ein gut angepasstes Y-Geschirr eine sehr sinnvolle Lösung sein.

Bei der Schleppleinen-, Fährten- oder vergleichbaren Arbeit ist ein geeignetes Geschirr aus Sicherheits- und Belastungsgründen für mich unverzichtbar.

Bei einem Hund mit bestehenden Problemen des Bewegungsapparates sollte dagegen individuell entschieden werden. Hier kann unter bestimmten Voraussetzungen sogar ein Halsband in Kombination mit einer sehr guten, zuverlässig aufgebauten Leinenführigkeit biomechanisch günstiger sein als ein Geschirr, das genau auf einen ohnehin problematischen Körperbereich einwirkt.

Denn am Ende gilt auch beim Equipment:

Nicht das Etikett „Brustgeschirr“ macht etwas automatisch gesund. Entscheidend ist, was am Körper des individuellen Hundes tatsächlich passiert.

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
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