Warum mir mein Beruf heute manchmal schwerer fällt als vor 25 Jahren
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Menschen und ihren Hunden. Und wenn ich auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicke, müsste ich eigentlich sagen: Noch nie wussten wir so viel über Hunde wie heute.
Wir wissen mehr über Lernverhalten, Emotionen, Stress, Bedürfnisse und Kommunikation. Wir betrachten Bindung und Beziehung differenzierter, hinterfragen Trainingsmethoden, die früher vollkommen selbstverständlich waren, und verstehen immer besser, dass Verhalten nicht einfach nur „funktioniert“ oder „nicht funktioniert“.
Das ist eine großartige Entwicklung.
Und trotzdem gibt es Tage, an denen ich meinen Beruf heute deutlich anstrengender empfinde als früher.
Nicht wegen der Hunde.
Sondern wegen einer Entwicklung im Umgang mit ihnen – und zunehmend auch im Umgang miteinander.
Wir wissen mehr über Hunde – aber wollen wir es auch wirklich wissen?
Auf der einen Seite wird der Hund heute emotional enorm aufgewertet.
Er ist Familienmitglied, Seelenhund, bester Freund und Vertrauter.
Und daran ist zunächst überhaupt nichts falsch.
Problematisch wird es für mich dort, wo aus Beziehung eine Erwartungshaltung entsteht, die einem Hund nicht mehr gerecht werden kann.
Wenn er Partner ersetzen soll.
Wenn er Kindersatz wird.
Wenn er Einsamkeit auffangen soll.
Wenn er emotionale Lücken schließen muss.
Wenn seine Anwesenheit einem Leben Sinn geben soll, in dem an anderer Stelle etwas fehlt.
Gerade in einer Zeit, in der vieles digitaler geworden ist, persönliche Kontakte teilweise weniger selbstverständlich sind und sich spätestens seit Corona bei vielen Menschen auch das soziale Leben verändert hat, habe ich manchmal das Gefühl, dass Hunde zunehmend Aufgaben übernehmen sollen, für die sie eigentlich nicht verantwortlich sein können.
Ein Hund kann unglaublich viel geben: Nähe, Verbindung, Freude, Sicherheit und Struktur.
Aber er sollte nicht dafür verantwortlich sein, die emotionalen Bedürfnisse eines Menschen vollständig zu tragen.
Denn irgendwann betrachten wir dann nicht mehr den Hund und fragen:
„Was braucht dieses Lebewesen eigentlich?“
Sondern:
„Warum gibt mir dieser Hund nicht das, was ich von ihm erwartet habe?“
Und genau dort beginnt für mich eine Form der Vermenschlichung, die einem Hund trotz aller vermeintlichen Liebe am Ende nicht gerecht wird.
Alles ist verfügbar – und möglichst sofort
Wir leben in einer Welt, in der unglaublich vieles unmittelbar verfügbar geworden ist.
Ein Klick.
Eine Nachricht.
Eine Bestellung.
Eine Lieferung.
Diese Erwartung übertragen wir zunehmend auch auf Dienstleistungen – und manchmal sogar auf Lebewesen.
Ein Hund wird übernommen, teilweise ohne ihn vorher wirklich kennengelernt zu haben, weil er gerade vermittelt werden kann und im eigenen Leben vielleicht gerade Platz oder auch eine Lücke entstanden ist.
Und dann soll er möglichst schnell passen.
Stubenrein sein.
Alleine bleiben.
Leinenführig sein.
Mit anderen Hunden klarkommen.
Besuch mögen.
Kinder mögen.
Mit ins Büro können.
Im Restaurant unter dem Tisch liegen.
Und wenn das nicht funktioniert, soll möglichst schnell jemand kommen und das Problem lösen.
Am besten sofort.
Aber Hundetraining ist keine Reparaturannahme.
Wir Trainer arbeiten nicht an einem Gegenstand, bei dem man ein defektes Bauteil austauscht und ihn anschließend funktionierend zurückgibt.
Wir arbeiten mit Lebewesen – und vor allem mit Menschen und ihren Lebewesen.
Das bedeutet Lernen, Veränderung und Wiederholung.
Manchmal bedeutet es Frustration.
Und manchmal bedeutet es auch die Erkenntnis, dass nicht der Hund derjenige ist, der sich als Erstes verändern muss.
Gutes Hundetraining braucht deshalb Eigenverantwortung.
Wir können erklären, beobachten, begleiten, Trainingswege entwickeln und Hilfestellung geben.
Aber wir können niemandem die tägliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Hund abnehmen.
Auch der Umgang mit unserer Arbeit hat sich verändert
Eine ähnliche Entwicklung erlebe ich inzwischen im Umgang mit Dienstleistungen.
Es wird diskutiert, warum eine Stunde kostet, was sie kostet.
Warum bestimmte Zahlungsmodalitäten gelten.
Warum ein Termin nicht am besten schon morgen möglich ist.
Warum eine Rückmeldung nicht innerhalb weniger Stunden erfolgt.
Oder warum wir darum bitten, dass organisatorische Anliegen und individuelle persönliche Fragen ausschließlich über den dafür vorgesehenen Kontaktweg – nämlich per E-Mail und nicht per WhatsApp – gestellt werden.
Natürlich darf jeder Mensch entscheiden, ob ein Angebot, ein Preis oder eine Regelung für ihn passt.
Man darf sagen:
„Das ist mir zu teuer.“
„Dieses Modell passt für mich nicht.“
„Dann buche ich dieses Angebot nicht.“
Das ist vollkommen in Ordnung.
Aber eine persönliche Entscheidung ist etwas anderes als der Anspruch darauf, dass ein Unternehmen seine Bedingungen so lange diskutiert oder verändert, bis sie zu den eigenen Vorstellungen passen.
Genauso dürfen wir als Dienstleister sagen:
Das sind unsere Preise. Das sind unsere Abläufe. Das sind unsere Arbeitszeiten. Und das sind unsere Grenzen.
Eine Trainingsstunde ist nur ein Teil unserer Arbeit
Vielleicht entsteht ein Teil dieser unterschiedlichen Erwartungen dadurch, dass bei unserem Beruf vor allem die Arbeit wahrgenommen wird, die unmittelbar sichtbar ist.
Der Trainer steht mit einem Kunden und seinem Hund auf dem Hundeplatz?
Dann arbeitet er.
Natürlich.
Aber die Stunde auf dem Platz ist nur ein Ausschnitt dessen, was eine Hundeschule tatsächlich leistet.
Zu unserer Arbeit gehören Vorbereitung und Nachbereitung, Dokumentation, Trainingsplanung, Recherche, Fortbildung, Organisation, Buchhaltung, Kundenbetreuung und fachlicher Austausch.
Wir bieten beispielsweise auch gezielt telefonische Beratungstermine an.
Wenn nach einem Training kleinere Fragen entstanden sind, ein neues Thema aufgetaucht ist oder ein Gespräch ausreicht, um ein Mensch-Hund-Team weiter zu unterstützen, muss nicht immer zwingend ein Termin vor Ort stattfinden.
Dann kann eine telefonische Beratung sinnvoll sein.
Solche Gespräche werden bewusst vereinbart und sind, wenn es sich um eine beratende Tätigkeit handelt, entsprechend kostenpflichtige Termine.
Denn auch eine telefonische Beratung ist fachliche Arbeit.
Wir beschäftigen uns mit dem bisherigen Trainingsverlauf, führen das Gespräch, ordnen Beobachtungen ein und überlegen gegebenenfalls, wie es weitergehen kann.
Auch Betreuung zwischen den eigentlichen Trainingsstunden gehört dazu.
Wenn uns ein Kunde beispielsweise gebeten hat, ihn zu informieren, sobald ein bestimmter Workshop oder ein passendes Seminar angeboten wird, denken wir bei der Planung durchaus an einzelne Mensch-Hund-Teams und melden uns gezielt.
Nicht, weil irgendein automatisiertes Werbesystem entschieden hat, eine Nachricht zu verschicken.
Sondern weil wir den Hund kennen und einschätzen können, dass ein bestimmtes Angebot für ihn und seinen Menschen sinnvoll sein könnte.
Gute Hundearbeit braucht ein Netzwerk
Verhalten findet nicht losgelöst vom restlichen Hund statt.
Deshalb gehört zu professioneller Arbeit für mich auch der Austausch mit anderen Fachbereichen.
Wir stehen beispielsweise mit Tierärzten, Physiotherapeuten und anderen Fachleuten in Kontakt, wenn das für einen Hund sinnvoll oder notwendig ist.
Manchmal müssen gesundheitliche Ursachen abgeklärt werden.
Manchmal braucht ein Hund physiotherapeutische Unterstützung.
Und manchmal ist es hilfreich, Beobachtungen miteinander auszutauschen, um gemeinsam zu überlegen, welcher weitere Weg sinnvoll sein könnte.
Gute Arbeit bedeutet für mich auch, die eigenen fachlichen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann andere Professionen hinzugezogen werden sollten.
Solche Kooperationen und Netzwerke entstehen und funktionieren aber nicht von alleine.
Auch sie brauchen Kommunikation, Absprachen und Zeit.
Zu einer Hundeschule gehört außerdem mehr als Hundetraining
Neben unserer eigenen Arbeit organisieren wir Workshops, Seminare, Vorträge und besondere Veranstaltungen, bei denen externe Fachleute ihr Wissen oder ihre Arbeit einbringen.
Für Kunden ist am Ende vor allem der eigentliche Termin sichtbar.
Ein Erste-Hilfe-Kurs findet statt.
Ein Fachvortrag wird gehalten.
Ein Seminar läuft.
Ein professioneller Hundefotograf bietet einen Shootingtag an.
Was vorher und im Hintergrund passiert, bleibt dagegen meistens unsichtbar.
Und genau das ist im besten Fall auch so.
Denn wenn beispielsweise eine Tierärztin zu uns kommt, um einen Erste-Hilfe-Kurs für Hundehalter zu geben, möchte ich, dass sie sich an diesem Tag auf genau das konzentrieren kann, wofür sie da ist:
ihr medizinisches Fachwissen möglichst gut an die Teilnehmer zu vermitteln.
Sie soll sich nicht gleichzeitig darum kümmern müssen, ob alle Teilnehmer wissen, wo sie hinmüssen, ob der Raum vorbereitet ist, wie der zeitliche Ablauf organisiert wird oder wer sich um organisatorische Fragen kümmert.
Diese Dinge gehören in unseren Bereich.
Dasselbe gilt für einen externen Referenten, der bei uns einen Fachvortrag oder ein Seminar hält.
Er soll sich auf sein Thema und seine Teilnehmer konzentrieren können.
Und wenn ein professioneller Hundefotograf bei uns einen Fototag anbietet, soll er fotografieren.
Er soll sich auf Menschen, Hunde, Licht und seine Bilder konzentrieren können – und nicht nebenbei Locations suchen, Teilnehmer koordinieren oder organisatorische Probleme lösen müssen.
Damit das funktioniert, muss vorher einiges passieren.
Passende Räumlichkeiten oder Locations müssen gefunden werden.
Die Gegebenheiten müssen für das jeweilige Angebot, die Menschen und gegebenenfalls die Hunde funktionieren.
Zeitfenster werden geplant.
Teilnehmer informiert.
Abläufe abgestimmt.
Fragen geklärt.
Und am Veranstaltungstag muss jemand dafür sorgen, dass möglichst alles so läuft, wie es geplant wurde.
Denn für mich gehört zu einer guten Zusammenarbeit mit externen Fachleuten auch, ihnen einen Rahmen zu schaffen, in dem sie ihre eigentliche Arbeit möglichst konzentriert und stressfrei machen können.
Gute Organisation erkennt man häufig gerade daran, dass man von ihr möglichst wenig bemerkt.
Aber sie braucht trotzdem jemanden, der sie macht.
Nicht jede Arbeitsstunde ist von außen sichtbar
All diese Dinge haben etwas gemeinsam:
Sie passieren häufig dann, wenn kein Kunde unmittelbar vor uns steht.
Und genau deshalb werden sie leicht übersehen.
Wenn ich an einem Vormittag einen telefonischen Beratungstermin führe, einen Trainingsfall dokumentiere, mich mit einem Tierarzt austausche, einen Workshop vorbereite oder eine Veranstaltung organisiere, bin ich nicht „gerade frei“.
Ich arbeite.
Und damit kommen wir zu einem weiteren Bereich, der heute fast zwangsläufig zu einer Selbstständigkeit gehört:
Öffentlichkeitsarbeit und Social Media.
Und dann sollen Hundetrainer heute auch noch Content Creator sein
Instagram, Facebook, TikTok und Co. sind für viele Unternehmen längst Teil von Werbung und Außendarstellung.
Grundsätzlich ist daran nichts verkehrt.
Schwierig finde ich allerdings, wenn dadurch Sichtbarkeit zunehmend mit fachlicher Qualität verwechselt wird.
Jemand hat 100.000 Follower.
Die Videos sehen professionell aus.
Die Reels sind perfekt geschnitten.
Die Person taucht ständig im Feed auf.
Also muss sie ein hervorragender Hundetrainer sein.
Vielleicht ist sie das.
Vielleicht sogar ein ganz ausgezeichneter.
Aber die Anzahl der Follower sagt darüber zunächst einmal nichts aus.
Reichweite ist kein Sachkundenachweis.
Sie zeigt zunächst, dass jemand sehr gut darin ist, Menschen über Social Media zu erreichen.
Vielleicht macht dieser Trainer sein Marketing selbst und kann das hervorragend.
Vielleicht gibt es Mitarbeiter dafür.
Vielleicht steckt eine professionelle Agentur dahinter.
Alles vollkommen legitim.
Aber gutes Marketing und gute fachliche Arbeit sind zwei unterschiedliche Kompetenzen.
Und umgekehrt bedeutet ein kleiner oder wenig aktiver Social-Media-Account nicht, dass jemand fachlich weniger zu bieten hat.
„Mal eben einen Beitrag machen“ gibt es nicht
Denn Social Media entsteht ebenfalls nicht nebenbei.
Ein Thema muss gefunden werden.
Texte werden geschrieben.
Fotos ausgewählt.
Videos gefilmt und geschnitten.
Untertitel erstellt.
Beiträge veröffentlicht und Kommentare moderiert.
Gerade bei längeren fachlichen Texten, Blogbeiträgen oder Beiträgen für Social Media und unseren WhatsApp-Kanal steckt häufig deutlich mehr Arbeit dahinter, als der fertige Beitrag vermuten lässt.
Ein komplexes Thema muss sinnvoll strukturiert und so erklärt werden, dass es auch für Menschen verständlich ist, die nicht täglich mit Hundeverhalten und Training zu tun haben.
Bei kritischen Themen kommt eine weitere Ebene hinzu.
Wie formuliere ich meine Position klar und trotzdem sachlich?
Kann eine Aussage missverstanden werden?
Wie schaffe ich es, einen kritischen Gedanken zu äußern, ohne Menschen unnötig vor den Kopf zu stoßen?
Ein Text wird geschrieben, verändert, gekürzt, ergänzt und manchmal mehrfach überarbeitet, bevor er veröffentlicht wird.
Und dann fehlt immer noch das passende Bild.
Selbst die Fotoauswahl will heute gut überlegt sein
Denn auch ein Foto kann in sozialen Medien innerhalb kürzester Zeit eine Diskussion auslösen, die mit dem eigentlichen Thema überhaupt nichts zu tun hat.
Zeigt man beispielsweise eine bestimmte Hunderasse, kann sich die Diskussion plötzlich ausschließlich darum drehen, ob diese Rasse unter das Thema Qualzucht fällt.
Zeigt ein Hund auf einem einzelnen Foto einen Gesichtsausdruck oder eine Körperhaltung, die jemand als Stress interpretiert, wird möglicherweise anhand dieses eingefrorenen Moments die gesamte Situation beurteilt.
Was unmittelbar vorher passiert ist, weiß niemand.
Was eine Sekunde später passiert ist, ebenfalls nicht.
Der tatsächliche Kontext ist unbekannt.
Trotzdem wird interpretiert, bewertet und kommentiert.
Das lässt sich nicht vollständig verhindern. Aber natürlich berücksichtigt man solche Dinge irgendwann bereits bei der Erstellung eines Beitrags.
Man fragt sich nicht mehr nur:
„Welches Bild gefällt mir?“
Sondern auch:
„Welches Bild transportiert meine Aussage, ohne gleichzeitig eine vollkommen andere Diskussion aufzumachen?“
Auch das ist Arbeitszeit.
Und wenn ich zwei Stunden konzentriert an einem Fachbeitrag sitze, bin ich nicht verfügbar, nur weil gerade kein Hund vor mir steht.
Konzentriertes Arbeiten funktioniert nicht, wenn zwischendurch permanent das Telefon klingelt oder Nachrichten beantwortet werden sollen.
Wo setze ich meine Prioritäten?
Genau deshalb bespiele ich Social Media heute bewusst zurückhaltender als früher.
Nicht, weil ich die Möglichkeiten dahinter grundsätzlich schlecht finde oder Werbung für unwichtig halte.
Sondern weil Zeit und Energie begrenzt sind.
Irgendwann stellt sich für mich eine ziemlich einfache Frage:
Mache ich jetzt noch ein Reel – oder investiere ich diese Zeit in die Menschen und Hunde, mit denen ich tatsächlich arbeite?
Für mich ist die Antwort inzwischen ziemlich eindeutig.
Natürlich werde ich weiterhin fachliche Themen, Gedanken und Einblicke teilen.
Aber in einem Umfang, der zu meinem tatsächlichen Arbeitsalltag passt – und nicht in einem Umfang, den ein Algorithmus gerne von mir hätte.
Denn letztlich möchte ich meine Zeit nicht hauptsächlich damit verbringen zu zeigen, dass ich arbeite.
Ich möchte sie mit meiner tatsächlichen Arbeit verbringen.
Und vielleicht dürfen auch Kunden bei der Suche nach einem Trainer wieder genauer hinschauen.
Nicht nur:
Wie viele Follower hat jemand?
Wie professionell sieht der Account aus?
Wie oft erscheint diese Person in meinem Feed?
Sondern:
Welche Ausbildung hat dieser Mensch?
Wie arbeitet er tatsächlich?
Wie bildet er sich fort?
Kann er fachlich erklären, warum er etwas tut?
Kann er individuell arbeiten, statt für jedes Mensch-Hund-Team dieselbe Lösung anzubieten?
Social Media kann Wissen transportieren und hervorragende Trainer sichtbar machen.
Aber eine große Reichweite beweist zunächst nur, dass jemand viele Menschen erreicht.
Sie beweist nicht automatisch, dass jemand Hunde besonders gut versteht.
Und ein Trainer mit einem kleinen oder wenig aktiven Social-Media-Account ist nicht automatisch weniger kompetent.
Vielleicht steht er einfach gerade irgendwo auf einem Hundeplatz. Und arbeitet.
Auch Hundetrainer haben Arbeitszeiten
Bei all diesen Aufgaben gibt es einen Punkt, der mir zunehmend wichtig geworden ist:
Auch wir haben einen normalen Arbeitsrahmen.
Es gibt Arbeitszeiten.
Und es gibt freie Zeiten.
Unser Montag beispielsweise ist bewusst ein freier Tag.
Trotzdem erleben wir regelmäßig, dass gerade montags angerufen, per WhatsApp Kontakt aufgenommen oder erwartet wird, dass eine eingehende E-Mail selbstverständlich noch am selben Tag bearbeitet wird.
Aber ein freier Tag ist kein „Bürotag im Hintergrund“.
Er ist frei.
Deshalb kommunizieren wir unter anderem über automatische Antworten ganz klar, dass die Bearbeitung eines Anliegens zwei bis drei Tage in Anspruch nehmen kann.
Das hat nichts damit zu tun, dass uns ein Anliegen nicht wichtig wäre.
Es bedeutet schlicht, dass wir unsere Arbeit organisieren müssen und nicht jede neue Anfrage automatisch alles andere unterbricht.
Eine automatische Eingangsbestätigung bedeutet deshalb nicht:
„Ihre Nachricht wurde gesehen und wird jetzt sofort bearbeitet.“
Sie bedeutet:
Die Nachricht ist angekommen. Wir kümmern uns darum innerhalb des kommunizierten Zeitrahmens.
Auch eine Terminanfrage heute bedeutet nicht automatisch einen Termin morgen.
Unsere Kalender enthalten bereits bestehende Kunden, Gruppentermine, Einzelstunden, Beratungen, Workshops und all die Aufgaben, die notwendig sind, damit diese Termine überhaupt stattfinden können.
Natürlich versuchen wir, Termine so zeitnah wie möglich anzubieten.
Aber „zeitnah“ bedeutet nicht automatisch „sofort“.
Erreichbarkeit ist kein Anspruch
Genau deshalb haben wir uns bewusst für die E-Mail als zentralen Kontaktweg entschieden.
Eine E-Mail kann strukturiert bearbeitet, gegebenenfalls an die zuständige Person weitergegeben und beantwortet werden, wenn dafür tatsächlich Zeit und Aufmerksamkeit vorhanden sind.
Eine WhatsApp-Nachricht oder ein spontaner Anruf durchbricht dagegen unmittelbar das, womit jemand gerade beschäftigt ist.
Eine Trainingsstunde.
Ein Beratungsgespräch.
Die Vorbereitung eines Seminars.
Das Schreiben eines Fachbeitrags.
Oder einen freien Tag.
Nur weil ein Kommunikationsweg technisch jederzeit verfügbar ist, bedeutet das nicht, dass auch der Mensch dahinter jederzeit verfügbar sein muss.
Denn hinter einer Telefonnummer oder einer E-Mail-Adresse steht kein Serviceautomat.
Da steht ein Mensch mit einem eigenen Leben.
Vielleicht arbeitet dieser Mensch gerade konzentriert.
Vielleicht verbringt er Zeit mit seiner Familie.
Vielleicht ist er krank.
Vielleicht gibt es private Dinge, die seine Aufmerksamkeit benötigen.
Oder vielleicht möchte er schlicht nicht beruflich erreichbar sein.
Und eigentlich müsste keiner dieser Gründe überhaupt erklärt oder gerechtfertigt werden.
Nicht jede eigene Dringlichkeit ist automatisch die Dringlichkeit des Gegenübers
Wenn ich gerade ein Anliegen habe, steht dieses für mich verständlicherweise im Vordergrund.
Für den Menschen auf der anderen Seite kann zur selben Zeit aber etwas vollkommen anderes wichtig sein.
Vielleicht ist genau das eine der Schattenseiten unserer permanenten technischen Erreichbarkeit:
Wir verwechseln die Möglichkeit, jemanden jederzeit kontaktieren zu können, zunehmend mit einem Anspruch darauf, diesen Menschen jederzeit erreichen zu können.
Das ist nicht dasselbe.
Eine Nachricht darf warten.
Eine Antwort darf dauern.
Ein Rückruf muss nicht sofort erfolgen.
Und ein Mensch darf nicht erreichbar sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Und ich bin mit diesem Empfinden nicht allein
Was mir bei all diesen Gedanken wichtig ist:
Dieses Empfinden begegnet mir nicht nur in meinem eigenen Arbeitsalltag.
Im Austausch mit Trainerkollegen, von denen viele diesen Beruf ebenfalls seit Jahren oder Jahrzehnten ausüben, höre ich erstaunlich häufig ganz ähnliche Gedanken.
Nicht im Sinne von:
„Wir haben keine Lust mehr auf unseren Beruf.“
Ganz im Gegenteil.
Viele von uns leben für das, was sie tun.
Wir haben diesen Beruf gewählt, weil uns Hunde faszinieren. Weil wir Verhalten verstehen wollen. Weil wir Menschen und Hunde dabei begleiten möchten, besser miteinander zurechtzukommen.
Wir bilden uns fort.
Wir hinterfragen uns.
Wir entwickeln uns weiter.
Und auch nach vielen Berufsjahren haben viele von uns nicht das Gefühl, irgendwann „fertig gelernt“ zu haben.
Natürlich ist es trotzdem unser Beruf.
Natürlich müssen und dürfen wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen.
Aber ich kenne erstaunlich wenige Menschen, die Hundetrainer geworden sind, weil sie darin die große finanzielle Karriere gesehen haben.
Denn wenn man in diesem Beruf eines in aller Regel nicht wird, dann ist es reich.
Auch wenn Selbstständigkeit von außen manchmal mit der Vorstellung verbunden ist, dass jeder Betrag, den ein Kunde bezahlt, anschließend als frei verfügbares Einkommen auf dem eigenen Konto landet.
Zwischen dem gezahlten Stundenpreis und dem tatsächlichen Einkommen liegen Steuern, Versicherungen, Betriebskosten, Ausstattung, Fortbildungen und all die Arbeitsstunden, die notwendig sind, damit professionelle Arbeit überhaupt möglich ist.
Vielleicht beschäftigt mich die Entwicklung unseres Berufes gerade deshalb so sehr.
Weil bei vielen Trainern nach wie vor unglaublich viel Herzblut dahintersteckt.
Die Freude an den Hunden ist nicht verschwunden.
Die Freude an guter fachlicher Arbeit auch nicht.
Was zunehmend Kraft kostet, sind die Dinge drumherum.
Der Anspruch auf möglichst sofortige Lösungen.
Diskussionen über Preise und Bedingungen.
Das Missachten klar kommunizierter Kommunikationswege.
Die Erwartung permanenter Verfügbarkeit.
Und der zusätzliche Druck, in einer digitalen Welt ständig sichtbar sein zu müssen.
Nicht die eigentliche Arbeit macht müde.
Es ist die zunehmende Energie, die für Dinge aufgewendet werden muss, die mit dem Kern dieser Arbeit nur noch wenig zu tun haben.
Und das finde ich schade.
Denn diese Energie würde ich viel lieber dort einsetzen, wo sie hingehört:
bei den Menschen und ihren Hunden.
Vielleicht brauchen wir wieder etwas mehr gegenseitigen Respekt
Vielleicht ist das am Ende der Kern all dieser Gedanken.
Wir wissen heute unglaublich viel über Bedürfnisse und Grenzen unserer Hunde.
Wir sprechen über Individualität.
Über Freiwilligkeit.
Über Rücksichtnahme.
Über angemessene Erwartungen.
Vielleicht sollten wir einige dieser Gedanken wieder stärker auf unseren Umgang miteinander übertragen.
Ein Hund hat Bedürfnisse und Grenzen.
Ein Kunde hat Bedürfnisse und Grenzen.
Und auch ein Trainer hat Bedürfnisse und Grenzen.
Beziehungen sind keine Einbahnstraße – weder zwischen Mensch und Hund noch zwischen Menschen.
Vielleicht wäre manchmal schon viel gewonnen, wenn wir uns wieder häufiger zwei Fragen stellen würden:
Was brauche ich gerade?
Und unmittelbar danach:
Was darf eigentlich mein Gegenüber brauchen?
Denn Respekt beginnt manchmal bei etwas ganz Einfachem:
zu akzeptieren, dass nicht alles – und vor allem nicht jeder – jederzeit für uns verfügbar sein muss.
Und vielleicht ist genau das etwas, was nicht nur unserem Umgang miteinander guttun würde.
Sondern auch unserem Umgang mit unseren Hunden.
