Du willst, dass dein Hund sich ändert?
Dann musst du vielleicht zuerst etwas ändern.
„Er zieht immer noch.“
„Sie kläfft jeden Hund an.“
„Er hört draußen überhaupt nicht.“
„Sie dreht bei Besuch völlig durch.“
„Inzwischen knurrt er sogar Menschen an.“
Und irgendwann kommt die Frage:
„Warum wird das denn nicht besser? Wir sind doch schon so lange im Training.“
Ja.
Aber Training ist kein Fitnessstudio, bei dem allein die Anwesenheit irgendwann Wirkung zeigt. 😉
Du kannst sechs Monate, ein Jahr oder auch drei Jahre eine Hundegruppe besuchen.
Wenn du anschließend nach Hause gehst und dort genauso weitermachst wie vorher, wird dein Hund ziemlich wahrscheinlich ebenfalls genauso weitermachen wie vorher.
Denn dein Hund lebt nicht einmal wöchentlich 60 Minuten bei uns Hundetrainern.
Er lebt bei dir.
Und genau dort findet der größte Teil des Trainings statt.
Wir empfehlen beispielsweise, Hundebegegnungen vorerst auf Abstand zu gestalten.
Du gehst trotzdem jeden Morgen frontal auf andere Hunde zu.
Wir erklären, warum dein Hund nicht jeden Konflikt selbst regeln sollte.
Du lässt ihn trotzdem machen, „weil die das unter sich klären“.
Wir besprechen, dass dein Hund Zuhause weniger Verantwortung übernehmen sollte.
Trotzdem steht er bei jedem Klingeln als Erster an der Tür und entscheidet, wer das Haus betreten darf.
Wir üben Leinenführung.
Aber sobald es morgens schnell gehen muss, darf der Hund dich wieder 30 Minuten durch die Gegend ziehen.
Wir empfehlen Management, klare Strukturen oder Grenzen.
Aber Zuhause möchtest du das eigentlich nicht, weil dir das zu streng vorkommt.
Und dann lautet einige Wochen später die Frage:
„Warum macht er das denn immer noch?“
Weil er es kann.
Weil er es übt.
Weil es funktioniert.
Und weil sich für ihn möglicherweise überhaupt nichts Wesentliches verändert hat.
Dein Hund macht das nicht, um dich zu ärgern.
Ein Hund zeigt Verhalten, weil dieses Verhalten für ihn in diesem Moment eine Funktion erfüllt.
Nehmen wir einen Hund, der andere Hunde an der Leine schwierig findet.
Er sieht einen Hund.
Er spannt sich an.
Keine Reaktion.
Er fixiert.
Keine Reaktion.
Er knurrt.
Keine ausreichende Veränderung.
Also bellt er und springt nach vorne.
Der andere Hund verschwindet.
Aus Sicht unseres Hundes kann die Erkenntnis ziemlich simpel sein:
„Perfekt. Hat funktioniert.“
Warum sollte er beim nächsten Mal also wieder bei Schritt eins anfangen?
Vielleicht geht er direkt ins Bellen.
Vielleicht irgendwann direkt nach vorne.
Vielleicht kommt irgendwann Abschnappen dazu.
Und vielleicht wird aus einem Verhalten, das ursprünglich relativ leise begonnen hat, mit der Zeit ein ziemlich großes Problem.
Nein: Nicht jeder Hund, der knurrt, wird irgendwann beißen.
Aber Verhalten, das immer wieder erfolgreich ist, kann sich festigen, schneller auftreten und intensiver werden.
Das gilt übrigens genauso für das Kläffen am Gartenzaun, das Kontrollieren von Besuchern, das Pöbeln an der Leine oder das Ziehen zum nächsten interessanten Geruch.
Hunde werden ziemlich gut in Dingen, die sie täglich üben dürfen.
„Aber im Training kann er das!“
Das glaube ich dir sofort.
Mittwoch, 18 Uhr, Hundeplatz:
Der Hund orientiert sich am Menschen, läuft an lockerer Leine und passiert einen anderen Hund mit vernünftigem Abstand.
Donnerstagmorgen, 7:15 Uhr:
„Komm jetzt, ich muss zur Arbeit!“
Zack – Hund zieht.
Freitag:
„Heute darfst du mal Hallo sagen.“
Samstag:
Hund sieht einen Artgenossen und schießt in die Leine.
Mensch:
„Siehst du! Genau DAS meine ich! Er macht das immer!“
Nein.
Der Hund ist an dieser Stelle nicht unbedingt inkonsequent.
Das System um ihn herum ist es.
Und genau deshalb gibt es irgendwann einen Punkt, an dem wir als Hundetrainer auch nicht mehr die 37. Variante derselben Erklärung liefern können.
Wir können analysieren.
Wir können erklären.
Wir können zeigen.
Wir können gemeinsam üben.
Wir können Trainingswege verändern, wenn etwas nicht funktioniert.
Wir können Lösungen suchen, die tatsächlich in euren Alltag passen.
Wir können euch unterstützen.
Aber eines können wir nicht:
Wir können Veränderung nicht stellvertretend für euch durchführen.
Und deshalb muss irgendwann eine Entscheidung getroffen werden.
Nicht von uns.
Sondern von euch.
Möchtest du wirklich etwas verändern?
Oder möchtest du eigentlich nur, dass dein Hund sich verändert?
Denn das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Du darfst selbstverständlich sagen:
„Das ist mir zu aufwendig.“
„Das möchte ich Zuhause nicht.“
„Ich möchte meinen Alltag dafür nicht verändern.“
„Damit kann ich leben.“
Völlig in Ordnung.
Dann ist das eine Entscheidung.
Aber zu dieser Entscheidung gehört eben auch die andere Seite:
Dann musst du möglicherweise mit dem Verhalten deines Hundes leben.
Mit dem Kläffen.
Mit dem Ziehen.
Mit dem Management bei Besuch.
Mit schwierigen Hundebegegnungen.
Mit Einschränkungen im Alltag.
Und bei ernsthaft aggressivem Verhalten gegebenenfalls auch mit den notwendigen Sicherheitsmaßnahmen und der Verantwortung gegenüber anderen.
Was nicht funktioniert:
Nichts verändern – und sich gleichzeitig jahrelang darüber ärgern, dass sich nichts verändert.
Und bevor das falsch verstanden wird:
Es geht nicht darum, aus jedem Hund einen perfekt funktionierenden Roboter zu machen.
Hunde dürfen bellen.
Hunde dürfen knurren.
Hunde dürfen andere Hunde scheiße finden.
Hunde dürfen Konflikte haben.
Sie dürfen Jagdverhalten zeigen.
Sie dürfen Grenzen setzen.
Und sie müssen ganz sicher nicht jeden Menschen und jeden Hund lieben.
Hunde sind Hunde.
Aber wenn das Verhalten meines Hundes ihn selbst, mich oder andere dauerhaft einschränkt oder sogar gefährdet, dann liegt die Verantwortung bei mir, etwas damit zu tun.
Nicht beim Hund.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage im Hundetraining manchmal gar nicht:
„Warum macht mein Hund das immer noch?“
Sondern:
„Was habe ICH in den vergangenen Wochen tatsächlich verändert, damit mein Hund überhaupt die Chance bekommt, etwas anders zu machen?“
Und wenn die ehrliche Antwort darauf lautet:
„Eigentlich nichts.“
… dann wissen wir ziemlich genau, warum wir im Training nicht weiterkommen.
Denn Veränderung beginnt nicht mit der Anmeldung in einer Hundeschule.
Sie beginnt mit der Entscheidung, das Gelernte auch dann umzusetzen, wenn gerade kein Hundetrainer danebensteht.
