„Der Hund soll nicht merken, dass es von dir kommt.“
Warum ich anonyme Korrekturen im Hundetraining kritisch sehe
Vielleicht hast du diesen Rat im Hundetraining schon einmal gehört:
„Der Hund darf nicht merken, dass die Korrektur von dir kommt.“
Dann fliegt plötzlich eine Wurfkette oder ein anderes Objekt in Richtung des Hundes. Eine Dose scheppert. Es wird mit Wasser gespritzt. Ein unangenehmes Geräusch ertönt. Oder ein anderer aversiver Reiz wird ausgelöst – möglichst so, dass der Hund nicht erkennen kann, dass sein Mensch dafür verantwortlich ist.
Die Idee dahinter klingt zunächst logisch:
Der Hund soll ein bestimmtes Verhalten unangenehm finden, ohne das unangenehme Erlebnis mit seinem Menschen zu verknüpfen.
Genau das wird häufig als anonyme Korrektur bezeichnet.
Und genau darin liegt aus meiner Sicht eines der größten Probleme dieser Methode.
Denn wir sollten uns fragen:
Wenn der Hund nicht wissen soll, dass die Einwirkung von mir kommt – was glaubt er dann eigentlich, woher sie kommt?
Was ist eine anonyme Korrektur?
Bei einer anonymen Korrektur wird auf ein Verhalten des Hundes eine unangenehme Konsequenz gesetzt, deren Verursacher für den Hund möglichst nicht erkennbar sein soll.
Lerntheoretisch kann das – sofern der Reiz tatsächlich dazu führt, dass das vorausgehende Verhalten künftig seltener auftritt – unter positive Strafe fallen:
Verhalten → etwas Unangenehmes tritt hinzu → Verhalten wird zukünftig seltener.
„Positiv“ bedeutet dabei nicht „gut“, sondern lediglich:
Es wird etwas hinzugefügt.
Das Ziel der anonymen Korrektur besteht häufig darin, dass der Hund nicht lernt:
„Wenn mein Mensch dabei ist, darf ich das nicht.“
Sondern:
„Dieses Verhalten selbst lohnt sich nicht bzw. hat unangenehme Konsequenzen.“
Das Problem dabei ist jedoch:
Lernen findet nicht im luftleeren Raum statt.
Der Hund verknüpft nicht automatisch genau das, was der Mensch sich als Verknüpfung vorgestellt hat.
Der Mensch bestimmt nicht, was der Hund verknüpft
Nehmen wir ein einfaches Beispiel.
Ein Hund interessiert sich beim Spaziergang für einen anderen Hund. Er fixiert ihn vielleicht bereits.
In diesem Moment erfolgt plötzlich eine anonyme Korrektur.
Der Mensch denkt:
„Er soll lernen: Fixieren lohnt sich nicht.“
Aber was nimmt der Hund wahr?
Vielleicht:
anderer Hund → plötzlich passiert etwas Unangenehmes.
Oder:
bestimmter Ort → unangenehmes Ereignis.
Oder:
fremder Mensch kommt näher → Schreckreiz.
Oder:
Hundebegegnungen sind unberechenbar.
Oder er kann überhaupt keine eindeutige Ursache erkennen.
Das ist einer der entscheidenden Punkte:
Eine Korrektur bekommt ihre Bedeutung nicht durch die Absicht des Menschen, sondern durch die Verknüpfung, die im Hund entsteht.
Und diese können wir nicht vollständig kontrollieren.
Gerade wenn ein aversives Ereignis gleichzeitig mit einem anderen Hund, einem Menschen, einem Kind, einem Fahrradfahrer oder einem bestimmten Umweltreiz auftritt, besteht das Risiko, dass nicht nur das Verhalten, sondern auch der gleichzeitig anwesende Reiz negativ belegt wird.
Aus der Verhaltensmedizin ist genau dieses Problem bekannt: Bestrafung in Anwesenheit eines bestimmten Reizes kann dazu führen, dass dieser Reiz selbst mit Angst oder negativen Emotionen verknüpft wird.
Das besondere Problem: fehlende Vorhersagbarkeit
Für mich liegt hier ein wesentlicher Unterschied zwischen klarem sozialem Feedback und einer anonymen Korrektur.
Wenn ich meinem Hund unmittelbar kommuniziere:
„Das möchte ich nicht.“
dann findet eine soziale Interaktion statt.
Mein Hund hat ein Gegenüber.
Er kann meine Körpersprache wahrnehmen.
Er kann mein Verhalten einordnen.
Er kann auf mich reagieren.
Und vor allem kann ich ihm anschließend zeigen:
Was möchte ich stattdessen von dir?
Bei einer anonymen Korrektur soll genau diese Information fehlen.
Plötzlich geschieht etwas Unangenehmes.
Scheinbar aus dem Nichts.
Und genau deshalb halte ich die häufig gehörte Aussage
„Das ist besser, weil der Hund die Korrektur dann nicht mit dir verbindet“
für sehr fragwürdig.
Denn aus Sicht des Hundes kann daraus gerade entstehen:
„Ich weiß nicht, wann und warum in meiner Umwelt plötzlich etwas Unangenehmes passiert.“
Unvorhersehbare und nicht kontrollierbare aversive Ereignisse sind aus Sicht von Stress und Wohlbefinden besonders problematisch. Die Forschung zu aversiven Trainingsmethoden zeigt insgesamt Zusammenhänge mit mehr stressbezogenem Verhalten und beeinträchtigtem Wohlbefinden; bei starkem Einsatz wurden unter anderem höhere Cortisolreaktionen und negativere affektive Zustände beobachtet.
„Aber es funktioniert doch.“
Ja.
Und diesen Punkt sollten wir nicht wegdiskutieren.
Strafe kann Verhalten unterdrücken.
Wenn ein Hund beispielsweise jedes Mal beim Versuch, an etwas heranzugehen, einen unangenehmen Reiz erlebt, kann es durchaus passieren, dass er dieses Verhalten irgendwann nicht mehr zeigt.
Das bedeutet jedoch noch nicht automatisch, dass der Hund verstanden hat, was wir von ihm möchten.
Wir müssen deshalb unterscheiden zwischen:
Verhalten unterdrücken
und
Verhalten verändern und dem Hund eine Alternative vermitteln.
Ein Hund, der etwas nicht mehr tut, hat nicht zwangsläufig gelernt, was er stattdessen tun soll.
Und noch wichtiger:
Wir sehen am verschwundenen Verhalten nicht automatisch, wie es dem Hund mit der Situation geht.
Ein Hund kann äußerlich „funktionieren“ und trotzdem unsicherer geworden sein.
Er kann weniger ausprobieren.
Er kann Situationen stärker meiden.
Er kann gehemmter reagieren.
Oder er kann gelernt haben, bestimmte Signale weniger deutlich zu zeigen.
Deshalb reicht die Frage
„Hat es funktioniert?“
im modernen Hundetraining nicht aus.
Wir sollten zusätzlich fragen:
Was hat der Hund dabei gelernt?
Welche Emotion ist entstanden?
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Und hätten wir dasselbe Ziel anders erreichen können?
Studien und Reviews zu aversivem Training verbinden einen stärkeren Einsatz solcher Methoden mit mehr Stressanzeichen und Risiken für das Wohlbefinden; daraus folgt nicht, dass jede einzelne Korrektur zwangsläufig einen Hund traumatisiert, wohl aber, dass „wirksam“ und „unproblematisch“ nicht dasselbe sind.
Heißt das, dass wir Hunde niemals korrigieren dürfen?
Nein.
Und diese Unterscheidung ist mir besonders wichtig.
Ich halte nichts davon, Hundetraining auf die beiden Lager
„rein positiv“
und
„Korrektur“
zu reduzieren.
Hunde leben in sozialen Beziehungen.
Und soziale Beziehungen bestehen nicht ausschließlich aus:
„Ja, toll gemacht!“
Sie bestehen auch aus Grenzen.
Aus Abbruch.
Aus Distanz.
Aus einem Nein.
Aus Zustimmung und Ablehnung.
Aus:
„Das möchte ich.“
und:
„Das möchte ich nicht.“
Ein Hund darf erfahren, dass sein Verhalten bei seinem sozialen Gegenüber eine Reaktion auslöst.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir Hunde erschrecken, einschüchtern oder ihnen Schmerzen zufügen sollen.
Es bedeutet:
Kommunikation darf in beide Richtungen stattfinden.
Wenn mein Hund etwas tut, womit ich nicht einverstanden bin, halte ich es für wesentlich fairer, ihm verständlich Feedback zu geben , als irgendwo im Hintergrund einen aversiven Reiz auszulösen und darauf zu hoffen, dass er genau die von mir gewünschte Verknüpfung herstellt.
Ein Nein allein ist allerdings noch kein Trainingsplan
Auch das gehört für mich zur Fairness.
Wenn ich meinem Hund sage:
„Das möchte ich nicht.“
sollte ich mir ebenfalls Gedanken darüber machen:
„Was möchtest du denn stattdessen von ihm?“
Ein Hund, der einen anderen Hund fixiert, braucht möglicherweise Unterstützung dabei, sich wieder zu lösen.
Ein Hund, der Besucher anspringt, braucht eine verständliche Alternative.
Ein Hund, der draußen permanent Entscheidungen übernimmt, braucht möglicherweise mehr Orientierung und Struktur.
Und bei Angst, Aggressionsverhalten, hoher Erregung oder starkem Jagdverhalten reicht es ohnehin nicht, einfach das sichtbare Verhalten „wegzukorrigieren“.
Wir müssen verstehen:
Warum zeigt der Hund dieses Verhalten überhaupt?
Denn Verhalten hat eine Funktion.
Und wenn wir ausschließlich das Symptom unterdrücken, ohne uns mit Motivation, Emotion, Lerngeschichte und Situation auseinanderzusetzen, haben wir möglicherweise ein Verhalten beseitigt – aber das eigentliche Problem nicht gelöst.
Fairness bedeutet für mich Verständlichkeit
Ich möchte nicht, dass mein Hund glaubt, die Welt verteile aus heiterem Himmel unangenehme Konsequenzen.
Ich möchte ein verlässliches soziales Gegenüber sein.
Eines, das bestätigt.
Eines, das unterstützt.
Eines, das schützt.
Aber auch eines, das Grenzen setzt und deutlich kommuniziert.
Deshalb finde ich eine Frage beim Thema Korrektur besonders wichtig:
Wenn ich nicht möchte, dass mein Hund weiß, dass diese Einwirkung von mir kommt – warum möchte ich sie dann überhaupt einsetzen?
Eine gute Beziehung bedeutet für mich nicht, dass mein Hund niemals ein Nein hört.
Sie bedeutet auch nicht, dass jedes Verhalten ignoriert werden muss, bis irgendwann zufällig das richtige auftaucht.
Sie bedeutet:
Mein Hund darf mich lesen können.
Er darf wissen, wann ich mit seinem Verhalten einverstanden bin.
Er darf wissen, wann ich es nicht bin.
Und er sollte möglichst verstehen können, was er stattdessen tun kann.
Denn Orientierung entsteht nicht dadurch, dass unangenehme Dinge scheinbar zufällig aus dem Nichts passieren.
Orientierung entsteht durch ein Gegenüber, das berechenbar, verständlich und verlässlich ist.
Und genau deshalb gehören anonyme Korrekturen für mich nicht in ein faires, beziehungsorientiertes Hundetraining.
