Skip to main content Scroll Top

Wenn Hunde nur noch funktionieren – was gutes Hundetraining wirklich bewirken sollte

Warum weniger Verhalten nicht automatisch mehr Erziehung bedeutet und weshalb wir genauer hinschauen sollten, was unser Training tatsächlich mit unseren Hunden macht.

In der Hundeerziehung beschäftigen wir uns sehr häufig mit der Frage, wie wir unerwünschtes Verhalten verändern können.

Der Hund soll weniger bellen, nicht mehr an der Leine ziehen, nicht zu anderen Hunden hinlaufen, keine Menschen anspringen, nicht jagen, nicht pöbeln und möglichst auch nicht ständig eigene Entscheidungen treffen.

Wir möchten, dass unsere Hunde ansprechbar sind, sich an uns orientieren und sich in unserem Alltag möglichst unkompliziert bewegen.

Das ist zunächst einmal völlig nachvollziehbar. Schließlich leben unsere Hunde in einer Welt, die überwiegend von menschlichen Regeln, Erwartungen und Bedürfnissen bestimmt wird.

Aber bei all den Überlegungen darüber, welches Verhalten wir verändern, reduzieren oder verhindern möchten, gerät eine andere Frage erstaunlich häufig in den Hintergrund:

Was passiert eigentlich mit einem Hund, der irgendwann kaum noch eigenes Verhalten zeigt?

Mit einem Hund, der nicht mehr neugierig erkundet, kaum noch schnüffelt, wenig Eigeninitiative zeigt, keine Entscheidungen trifft und scheinbar nur noch darauf wartet, dass sein Mensch ihm sagt, was er tun soll?

Ist das tatsächlich ein besonders gut erzogener Hund?

Oder haben wir möglicherweise einen Hund vor uns, der gelernt hat, dass es sicherer ist, möglichst wenig anzubieten?

 

Ein ruhiger Hund ist nicht automatisch ein entspannter Hund

Wir Menschen neigen dazu, Verhalten zunächst nach dem zu beurteilen, was wir von außen wahrnehmen.

Ein Hund, der still neben seinem Menschen sitzt, wirkt auf uns häufig entspannt. Ein Hund, der nicht auf Reize reagiert, erscheint gelassen. Und ein Hund, der jede Anweisung unmittelbar ausführt, gilt schnell als besonders gut erzogen.

Dabei sagt die bloße Abwesenheit von sichtbarem Verhalten zunächst erstaunlich wenig über den emotionalen Zustand eines Hundes aus.

Ein Hund kann ruhig sein, weil er sich tatsächlich sicher und wohlfühlt.

Er kann aber auch ruhig sein, weil er angespannt ist, weil er gelernt hat, dass eigene Initiative unerwünscht ist, oder weil er in einer Situation keine erfolgversprechende Handlungsmöglichkeit mehr erkennt.

Von außen können diese Zustände auf den ersten Blick ähnlich aussehen. Innerlich unterscheiden sie sich jedoch erheblich.

Ein entspannter Hund verfügt über Handlungsmöglichkeiten. Er kann sich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, auf Veränderungen reagieren, eigene Bedürfnisse wahrnehmen und sein Verhalten situationsangemessen anpassen.

Ein Hund, der sein Verhalten aus Unsicherheit oder aufgrund wiederholter negativer Erfahrungen stark einschränkt, zeigt dagegen möglicherweise nur noch das, was aus seiner Sicht die geringsten unangenehmen Konsequenzen erwarten lässt.

Nicht jedes ruhige Verhalten ist Ausdruck innerer Ruhe. Und nicht jedes ausbleibende Verhalten ist ein Trainingserfolg.

Genau deshalb sollten wir im Hundetraining nicht ausschließlich danach schauen, was ein Hund tut oder eben nicht mehr tut.

Wir müssen uns auch damit beschäftigen, warum er es tut.

 

Wenn aus Erziehung bloße Verhaltensunterdrückung wird

Hundetraining bedeutet immer, Einfluss auf Verhalten zu nehmen.

Wir verstärken erwünschte Verhaltensweisen, verändern Rahmenbedingungen, setzen Grenzen, schaffen Orientierung und helfen dem Hund dabei, angemessene Strategien für bestimmte Situationen zu entwickeln.

Das ist grundsätzlich nichts Negatives. Im Gegenteil: Ohne Lernen, Regeln und Orientierung wäre ein Zusammenleben zwischen Mensch und Hund in unserer Gesellschaft kaum möglich.

Problematisch wird es allerdings dann, wenn Training ausschließlich darauf ausgerichtet ist, sichtbares Verhalten möglichst schnell abzustellen.

Nehmen wir einen Hund, der bei Hundebegegnungen bellt, in die Leine springt und nur schwer ansprechbar ist.

Wenn es uns durch entsprechende Maßnahmen gelingt, dieses Verhalten zu unterbrechen, haben wir zunächst einmal lediglich eines erreicht: Der Hund zeigt das ursprüngliche Verhalten nicht mehr.

Was wir damit noch nicht wissen, ist, ob sich seine emotionale Bewertung der Situation verändert hat.

Vielleicht empfindet er andere Hunde inzwischen tatsächlich als weniger bedrohlich. Vielleicht hat er gelernt, sich bei seinem Menschen Unterstützung zu holen und alternative Verhaltensweisen zu nutzen.

Vielleicht unterdrückt er aber auch lediglich seine ursprüngliche Reaktion, weil er gelernt hat, dass diese unangenehme Konsequenzen nach sich zieht.

Das sichtbare Ergebnis kann ähnlich sein, obwohl der Lernprozess und die emotionale Situation des Hundes völlig unterschiedlich sind.

Deshalb reicht es nicht, einen Trainingserfolg ausschließlich daran festzumachen, dass ein unerwünschtes Verhalten verschwunden ist.

Entscheidend ist, was stattdessen entstanden ist.

Hat der Hund Sicherheit gewonnen? Hat er eine neue Strategie entwickelt? Ist er in der Situation tatsächlich weniger belastet? Kann er sich besser regulieren und angemessener reagieren?

Oder hat er lediglich gelernt, seine Reaktion nicht mehr zu zeigen?

 

Warum Hunde aufhören können, eigene Entscheidungen zu treffen

Hunde lernen nicht nur einzelne Signale und Verhaltensweisen.

Sie lernen auch, wie zuverlässig ihre Umwelt ist, welche Konsequenzen ihre Handlungen haben und ob es sich lohnt, selbst aktiv zu werden.

Ein Hund, der wiederholt die Erfahrung macht, dass eigene Initiative unerwünscht ist oder seine Handlungen keine positiven Veränderungen bewirken, kann zunehmend zurückhaltend werden.

Er probiert weniger aus, wartet häufiger ab und reduziert unter Umständen seine eigenständige Auseinandersetzung mit der Umwelt.

In ausgeprägten Fällen können solche Lernerfahrungen zu passivem Verhalten beitragen, das an die Mechanismen der erlernten Hilflosigkeit erinnert.

Dabei ist allerdings wichtig, nicht jeden zurückhaltenden oder besonders kooperativen Hund vorschnell als hilflos zu bezeichnen.

Hunde unterscheiden sich hinsichtlich Temperament, Persönlichkeit, Erfahrungen, Alter, Gesundheitszustand und individueller Bedürfnisse erheblich.

Ein Hund, der wenig Eigeninitiative zeigt, muss deshalb keineswegs zwangsläufig negative Trainingserfahrungen gemacht haben.

Aber wenn sich ein ursprünglich neugieriger, aktiver Hund zunehmend zurückzieht, kaum noch Dinge ausprobiert und auffällig passiv wird, lohnt es sich, genauer hinzusehen.

Denn gute Erziehung sollte nicht dazu führen, dass ein Hund das Vertrauen in seine eigenen Handlungsmöglichkeiten verliert.

Sie sollte ihm helfen, diese Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen.

 

Grenzen setzen und Verhalten unterdrücken sind nicht dasselbe

An dieser Stelle ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig.

Denn die Forderung nach mehr Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit bedeutet keineswegs, dass Hunde möglichst alles selbst entscheiden sollten.

Ein Hund benötigt Orientierung, verlässliche Strukturen und selbstverständlich auch Grenzen.

Gerade Hunde, die dazu neigen, übermäßig Verantwortung zu übernehmen, ihre Umwelt kontrollieren zu wollen oder auf bestimmte Reize sehr intensiv zu reagieren, profitieren häufig davon, wenn ihr Mensch klare und nachvollziehbare Entscheidungen trifft.

Ein Hund muss nicht selbst regeln, wer die Wohnung betreten darf. Er muss nicht jede Hundebegegnung eigenständig bewältigen, nicht jeden Umweltreiz untersuchen und nicht entscheiden, wann eine Situation beendet wird.

Manchmal besteht gute Führung gerade darin, dem Hund Entscheidungen abzunehmen.

Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob ich einen Hund sinnvoll begrenze und ihm dadurch Sicherheit gebe oder ob ich ihm grundsätzlich jede Möglichkeit nehme, selbst aktiv zu werden.

Eine Grenze kann Orientierung schaffen.

Sie kann verhindern, dass ein Hund sich oder andere gefährdet. Sie kann ihm helfen, sich in einer schwierigen Situation nicht weiter hochzufahren, und sie kann den Rahmen schaffen, innerhalb dessen Lernen überhaupt erst möglich wird.

Entscheidend ist, dass der Hund innerhalb dieses Rahmens weiterhin Handlungsmöglichkeiten besitzt.

Er soll nicht lernen, dass grundsätzlich jede eigene Entscheidung falsch ist.

Er soll lernen, welche Entscheidungen in welchen Situationen sinnvoll, möglich und erfolgreich sind.

Selbstwirksamkeit – warum sie für Hunde so wichtig ist

Ein zentraler Begriff in diesem Zusammenhang ist die Selbstwirksamkeit.

Damit ist vereinfacht die Erfahrung gemeint, durch das eigene Verhalten Einfluss auf die Umwelt und deren Konsequenzen nehmen zu können.

Ein Hund erlebt Selbstwirksamkeit beispielsweise dann, wenn er durch sein Verhalten eine Situation positiv verändern kann.

Wenn er bei einer Begegnung Abstand vergrößert und dadurch Entlastung erfährt.

Wenn er durch gezieltes Suchen eine Futterquelle findet.

Wenn er eine Aufgabe eigenständig löst und erlebt, dass sein Handeln zum Erfolg führt.

Oder wenn er seinem Menschen ein Bedürfnis kommuniziert und dieser angemessen darauf reagiert.

Solche Erfahrungen können dazu beitragen, dass Hunde Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und ihre Umwelt als besser vorhersehbar und beeinflussbar erleben.

Gerade für unsichere Hunde kann das von großer Bedeutung sein.

Dabei bedeutet Selbstwirksamkeit ausdrücklich nicht, dass der Hund jederzeit seinen Willen durchsetzen muss.

Es geht vielmehr darum, dass sein Verhalten einen nachvollziehbaren Zusammenhang mit dem hat, was anschließend geschieht.

Ein Hund sollte erleben dürfen, dass es sich lohnt, mitzudenken, auszuprobieren und mit seiner Umwelt in einen sinnvollen Austausch zu treten.

Und genau dafür braucht er nicht grenzenlose Freiheit, sondern einen verlässlichen Rahmen.

 

Nicht jedes unerwünschte Verhalten muss einfach verschwinden

Ein weiterer wichtiger Punkt wird in der Hundeerziehung häufig übersehen:

Verhalten hat eine Funktion.

Ein Hund, der bellt, möchte möglicherweise Distanz herstellen, Aufmerksamkeit erhalten, einen Reiz melden oder seiner Erregung Ausdruck verleihen.

Ein Hund, der an der Leine zieht, möchte vielleicht möglichst schnell zu einem interessanten Geruch gelangen.

Ein Hund, der bei Begegnungen ausweicht, versucht womöglich, einer für ihn unangenehmen Situation zu entkommen.

Und ein Hund, der seine Umwelt intensiv kontrolliert, versucht möglicherweise, Unsicherheit durch eigenes Handeln zu reduzieren.

Natürlich bedeutet das nicht, dass wir jedes dieser Verhaltensmuster unverändert akzeptieren müssen.

Aber wenn wir nur das sichtbare Verhalten abstellen, ohne seine Funktion zu verstehen, übersehen wir möglicherweise das eigentliche Problem.

Wir sollten deshalb nicht nur fragen: Wie verhindere ich dieses Verhalten? Sondern vor allem: Warum zeigt mein Hund es und welche Alternative steht ihm zur Verfügung?

Wenn ein Hund bei Begegnungen aus Unsicherheit bellt, reicht es nicht, ihm das Bellen zu verbieten.

Er braucht Erfahrungen, die ihm helfen, andere Hunde anders einzuschätzen. Er benötigt unter Umständen mehr Distanz, verlässliche Unterstützung und Verhaltensstrategien, mit denen er schwierige Situationen bewältigen kann.

Wenn ein Hund an der Leine zieht, weil er unbedingt zu einem Geruch möchte, können wir ihm beibringen, sich zurückzunehmen und auf unsere Freigabe zu warten.

Gleichzeitig sollten wir aber auch berücksichtigen, dass Schnüffeln ein elementares Bedürfnis und eine wichtige Form der Umweltauseinandersetzung ist.

Das Ziel sollte nicht sein, dem Hund sämtliche eigenen Interessen abzugewöhnen.

Es sollte sein, seine Bedürfnisse und die Anforderungen unseres gemeinsamen Alltags sinnvoll miteinander zu vereinbaren.

 

Warum gute Erziehung immer auch Möglichkeiten schaffen sollte

Im Training beschäftigen wir uns verständlicherweise sehr viel damit, was ein Hund lernen soll, nicht mehr zu tun.

Nicht mehr anspringen. Nicht mehr hinterherlaufen. Nicht mehr bellen. Nicht mehr an der Leine ziehen.

Diese Ziele sind jedoch nur eine Seite der Hundeerziehung.

Mindestens genauso wichtig ist die Frage, welches Verhalten wir stattdessen aufbauen möchten.

Was soll der Hund tun können, wenn er einen anderen Hund entdeckt?

Welche Strategie steht ihm zur Verfügung, wenn er sich unsicher fühlt?

Wie kann er mit Frustration umgehen, wenn ein Bedürfnis nicht unmittelbar erfüllt wird?

Wie kann er sich an seinem Menschen orientieren, ohne dabei jede Eigeninitiative aufzugeben?

Und wie lernt er, zwischen Situationen zu unterscheiden, in denen er selbstständig handeln darf, und solchen, in denen sein Mensch die Verantwortung übernimmt?

Ein Hund, der lediglich lernt, unerwünschte Reaktionen zu unterlassen, besitzt dadurch noch nicht automatisch eine geeignete Alternative.

Genau hier beginnt für mich die eigentliche Trainingsarbeit.

Wir sollten nicht nur Verhalten reduzieren.

Wir sollten das Verhaltensrepertoire unserer Hunde sinnvoll erweitern.

Denn je mehr angemessene Strategien ein Hund zur Verfügung hat, desto flexibler kann er mit unterschiedlichen Anforderungen umgehen.

 

Was das im Alltag konkret bedeutet

Ein Training, das Verhalten nicht nur unterdrückt, sondern neue Möglichkeiten schafft, muss keineswegs besonders kompliziert sein.

Oft zeigt sich diese Haltung bereits in ganz alltäglichen Situationen.

 

Bei Hundebegegnungen

Statt ausschließlich daran zu arbeiten, dass der Hund nicht mehr bellt oder in die Leine springt, können wir ihm helfen, andere Hunde in angemessener Distanz wahrzunehmen, sich wieder seinem Menschen zuzuwenden, einen Bogen zu laufen oder sich aus einer Situation herauszuführen zu lassen.

Er lernt dadurch nicht nur, etwas zu unterlassen, sondern erhält tatsächlich nutzbare Alternativen.

 

Beim Spaziergang

Ein Hund muss nicht permanent frei entscheiden, wo es langgeht. Aber er sollte auch nicht jeden Meter damit verbringen müssen, ausschließlich auf die Vorgaben seines Menschen zu achten.

Phasen, in denen er erkunden, schnüffeln und sich mit seiner Umwelt beschäftigen darf, sind kein Gegensatz zu guter Erziehung.

Sie sind ein wichtiger Bestandteil eines bedürfnisgerechten Hundealltags.

 

Bei der Beschäftigung

Besonders gut lässt sich eigenständiges Problemlösen bei sinnvoll aufgebauter Nasenarbeit, Suchaufgaben oder anderen Beschäftigungsformen beobachten.

Der Mensch schafft die Rahmenbedingungen, erklärt die Aufgabe und gibt gegebenenfalls Hilfestellung.

Der Hund darf anschließend seine Fähigkeiten einsetzen, Entscheidungen treffen und selbst zum Ergebnis gelangen.

Dabei muss nicht jeder Lösungsweg exakt so aussehen, wie wir ihn uns vorgestellt haben.

 

Bei Frustration und Impulskontrolle

Ein Hund muss selbstverständlich lernen, dass nicht jedes Bedürfnis sofort erfüllt werden kann.

Aber dauerhaftes Warten, ständige Verhinderung und permanente Kontrolle sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einer guten Frustrationstoleranz.

Diese entwickelt sich durch angemessene, bewältigbare Erfahrungen und durch die Möglichkeit, alternative Strategien zu erlernen.

Auch hier geht es also um mehr als das bloße Unterlassen einer Reaktion.

 

Im häuslichen Zusammenleben

Klare Regeln und verlässliche Strukturen können enorm entlastend sein.

Ein Hund darf lernen, auf seinem Ruheplatz zu bleiben, Besucher nicht eigenständig zu kontrollieren oder bestimmte Bereiche und Ressourcen nur nach Freigabe zu nutzen.

Gleichzeitig sollte er Raum für eigene Bedürfnisse, Kommunikation und selbstständige Beschäftigung haben.

Er muss nicht den gesamten Alltag organisieren.

Aber er sollte auch nicht nur noch auf Anweisungen warten.

 

Ein Hund darf Persönlichkeit zeigen

Hunde sind keine Maschinen, die wir durch das richtige Trainingsprogramm auf ein möglichst störungsfreies Funktionieren einstellen.

Sie bringen individuelle Eigenschaften, Bedürfnisse, Interessen und Verhaltensweisen mit.

Der eine Hund ist temperamentvoll und neugierig, der nächste vorsichtig und beobachtend. Manche Hunde sind ausgesprochen eigenständig, andere suchen häufig die Nähe und Unterstützung ihres Menschen.

Nicht jede Eigenart ist ein Erziehungsproblem.

Nicht jede Entscheidung, die ein Hund selbst trifft, ist Ausdruck mangelnder Orientierung.

Und nicht jedes Verhalten, das für uns unbequem ist, muss zwangsläufig korrigiert werden.

Natürlich gibt es Grenzen. Unser Zusammenleben erfordert Regeln, Rücksichtnahme und ein angemessenes Maß an Anpassungsfähigkeit.

Aber wir sollten uns immer wieder fragen, ob unsere Erwartungen an den Hund tatsächlich notwendig und sinnvoll sind oder ob wir gerade versuchen, möglichst jede Form eigenständigen Verhaltens zu kontrollieren.

Ein Hund darf Interessen haben, eigene Vorlieben entwickeln, Dinge spannend finden und auch einmal anderer Meinung sein.

Gute Erziehung bedeutet nicht, seine Persönlichkeit zu beseitigen.

Sie bedeutet, diese Persönlichkeit zu verstehen und innerhalb unseres gemeinsamen Lebens sinnvoll zu begleiten.

 

Auch zu viel Verantwortung kann einen Hund überfordern

Bei aller Bedeutung von Selbstwirksamkeit und Eigeninitiative dürfen wir allerdings die andere Seite nicht vergessen.

Denn auch ein Hund, der ständig Entscheidungen treffen muss, kann erheblich unter Druck geraten.

Besonders dann, wenn er sich für Situationen zuständig fühlt, die ihn eigentlich überfordern.

Ein Hund, der permanent seine Umwelt überwacht, Besucher kontrolliert, Bewegungen seines Menschen verfolgt oder Hundebegegnungen eigenständig regeln möchte, zeigt zwar jede Menge Verhalten und Eigeninitiative.

Das bedeutet aber keineswegs, dass er sich damit wohlfühlt.

Manchmal braucht ein Hund nicht mehr Entscheidungsfreiheit, sondern weniger Verantwortung.

Er braucht einen Menschen, der Situationen zuverlässig einschätzt, Grenzen setzt und ihm vermittelt, dass er nicht alles selbst regeln muss.

Das widerspricht dem Gedanken der Selbstwirksamkeit nicht.

Im Gegenteil.

Gute Führung bedeutet, Verantwortung dort zu übernehmen, wo der Hund sie nicht tragen sollte, und ihm dort Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, wo er selbstständig und erfolgreich handeln kann.

Es geht also weder um absolute Kontrolle noch um grenzenlose Selbstbestimmung.

Es geht um ein sinnvolles Gleichgewicht.

 

Woran erkennen wir, ob Training unserem Hund wirklich hilft?

Wenn wir beurteilen möchten, ob unser Training erfolgreich ist, sollten wir uns nicht ausschließlich fragen, ob ein unerwünschtes Verhalten seltener geworden ist.

Wir sollten unseren Blick erweitern.

Ist der Hund insgesamt sicherer geworden?

Kann er Situationen, die ihm früher Schwierigkeiten bereitet haben, inzwischen besser bewältigen?

Zeigt er weiterhin Neugier und Interesse an seiner Umwelt?

Traut er sich, Verhalten anzubieten und neue Dinge auszuprobieren?

Kann er Unterstützung bei seinem Menschen suchen?

Hat er gelernt, mit Grenzen und Frustration umzugehen, ohne dabei dauerhaft in hoher Anspannung zu bleiben?

Kann er sich nach aufregenden Situationen wieder regulieren?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Hat der Hund durch unser Training tatsächlich an Lebensqualität und Handlungsmöglichkeiten gewonnen?

Dabei sollten wir nicht erwarten, dass jeder Hund seine Fortschritte auf die gleiche Weise zeigt.

Manche Hunde werden durch gutes Training aktiver und mutiger.

Andere werden ruhiger, weil sie nicht mehr das Gefühl haben, ständig reagieren oder Verantwortung übernehmen zu müssen.

Entscheidend ist deshalb niemals nur die Menge des gezeigten Verhaltens.

Entscheidend ist dessen Qualität, Funktion und der emotionale Zustand, der damit verbunden ist.

 

Unsere Verantwortung als Menschen

Als Hundehalter tragen wir eine große Verantwortung dafür, welche Erfahrungen unsere Hunde in ihrem Leben machen.

Wir bestimmen über weite Teile ihres Alltags.

Wir entscheiden, wo sie leben, wann sie nach draußen gehen, welchen Umweltreizen sie ausgesetzt werden, welche Kontakte sie haben und welche Verhaltensweisen wir von ihnen erwarten.

Auch unser Training beeinflusst, wie unsere Hunde ihre Umwelt wahrnehmen und welche Handlungsmöglichkeiten sie entwickeln.

Deshalb sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass jede Form der Erziehung weit mehr bewirken kann als nur eine Veränderung des unmittelbar sichtbaren Verhaltens.

Wir beeinflussen auch Erwartungen, Emotionen, Lernerfahrungen und die Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Ein Hund, der uns vertraut, muss nicht deshalb gut erzogen sein, weil er niemals widerspricht oder keine eigenen Interessen mehr zeigt.

Vertrauen zeigt sich vielmehr auch darin, dass er sich auf unsere Entscheidungen verlassen kann, Unterstützung annimmt und innerhalb eines verlässlichen Rahmens eigene Erfahrungen machen darf.

Und ein Mensch, der seinen Hund gut führt, muss nicht jede Handlung kontrollieren.

Er sollte unterscheiden können, wann sein Hund Orientierung benötigt, wann eine Grenze sinnvoll ist und wann es richtig ist, ihn einfach selbstständig handeln zu lassen.

 

Fazit: Training wirkt immer – aber was genau bewirkt es?

Wir können einem Hund beibringen, bestimmte Verhaltensweisen nicht mehr zu zeigen.

Wir können ihn daran gewöhnen, abzuwarten, sich zurückzunehmen und sich an unseren Entscheidungen zu orientieren.

All das kann ein sinnvoller und wichtiger Bestandteil von Hundeerziehung sein.

Aber wir sollten nicht den Fehler machen, ein möglichst geringes Maß an sichtbarem Verhalten automatisch mit einem besonders guten Trainingsergebnis gleichzusetzen.

Ein Hund, der nicht mehr bellt, ist nicht zwangsläufig weniger unsicher.

Ein Hund, der nicht mehr zieht, ist nicht zwangsläufig entspannter.

Und ein Hund, der niemals eigene Entscheidungen trifft, ist nicht zwangsläufig besonders gut geführt.

Gutes Hundetraining sollte nicht nur unerwünschtes Verhalten reduzieren, sondern angemessene Verhaltensmöglichkeiten schaffen.

Es sollte Sicherheit vermitteln, Orientierung geben, Kompetenzen aufbauen und Hunde befähigen, mit den Herausforderungen ihres Alltags besser umzugehen.

Dazu gehören klare Regeln genauso wie Freiräume. Verlässliche Grenzen genauso wie die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu sammeln. Verantwortung durch den Menschen genauso wie angemessene Eigenständigkeit des Hundes.

Unser Ziel sollte deshalb nicht sein, dass ein Hund möglichst wenig Verhalten zeigt.

Unser Ziel sollte sein, dass er über die richtigen Strategien verfügt, sich in unserer gemeinsamen Welt zurechtzufinden.

Denn am Ende sollte gute Hundeerziehung nicht nur daran zu erkennen sein, wie unkompliziert ein Hund für uns Menschen geworden ist.

Sondern auch daran, wie sicher, handlungsfähig und wohl er sich selbst in seinem Leben fühlt.

Training verändert Verhalten. Aber seine Qualität erkennen wir nicht allein daran, was anschließend verschwunden ist – sondern vor allem daran, was für den Hund dadurch möglich geworden ist.

Kirsten Koch
Kirsten Koch
Inhaberin, Hundeverhaltensberaterin und Trainerin, Treibballtrainerin, Revieren-Instruktorin
Datenschutzeinstellungen
Wenn du unsere Website besuchst, können über deinen Browser Informationen von bestimmten Diensten gespeichert werden, meist in Form von Cookies. Hier kannst du deine Datenschutzeinstellungen ändern. Bitte beachte, dass das Blockieren bestimmter Arten von Cookies dein Nutzererlebnis auf unserer Website und die von uns angebotenen Dienste beeinträchtigen kann.